Hilfen für Angehörige

 

Auf Wunsch einer Leserin folgt heute ein Beitrag, wie man als Angehöriger (dabei ist es egal welche Rolle – Partner, Eltern,  Geschwister) mit einem Erkrankten umgehen sollte. Wieder einmal der Disclaimer, das ich kein Profi bin und alle Ratschläge aufgrund eigener Erfahrung folgen.

Anmerkung: ich spreche von dem Erkrankten. Natürlich spreche ich auch weibliche, trans- und intersexuelle Erkrankte an.

  • Informiere dich

Weißt du, was Schizophrenie ist? Kennst du die wichtigsten Symptome? Wenn nicht, dann lese im Internet oder Büchern, auch auf diesem Blog. Um den Erkrankten zu verstehen, muss man wissen, was in ihm vorgeht. Halluzinationen und Wahn sind nicht die einzigen Krankheitssymptome. Auch Ich-Störungen, kognitive Störungen und Negativ-Symptome gehören dazu. Je mehr du weißt, desto besser kannst du deinen Angehörigen verstehen.

 

  • Du hast keine Schuld

Eine schizophrene Psychose ist nicht deine Schuld. Das betrifft gerade Eltern von Erkrankten. “Erziehungsfehler” sind kein Grund dafür, dass später eine Psychose auftritt. Viele Dinge führen dazu, dass die Neigung zu Psychosen erhöht ist. Die Genetik, Stress und Drogen können Schizophrenien hervorrufen. Menschen mit erhöhter Vulnarabilität bekommen schneller eine Psychose als Andere. Suche nicht bei dir nach Fehlern.

  • Sei eine seelische Unterstützung

Halt seine Hand. Rede mit ihm in ruhiger Umgebung. Hilf dem Betroffenen zu entspannen, etwas für sich selbst zu tun und  nicht aufzugeben. Sei für den Angehörigen da!

  • Kümmere dich um das Wohlbefinden

In der Psychose ist es sehr schwierig, seinen geregelten Tagesablauf beizubehalten. Wenn der Erkrankte zu Hause ist (nicht in der Klinik) dann hilf ihm. Gehe mit ihm einkaufen, motiviere ihn zu duschen, Zähne zu putzen und seinen Haushalt aufrecht zu halten. Es ist erstmal wichtig, dass er die Phase gut übersteht. Streite nicht, wenn er es nicht schafft selbst ordentlich zu sein. Sei einfach für ihn da.

  • Kein Streit um Wahninhalte

Es ist schwer nachzuvollziehen was im Kopf eines Schizophrenen vor sich geht. Diskutiere nicht über die Wahninhalte. Versuche nicht ihn mit Diskussionen zu überzeugen. Für den Erkrankten sind diese Gedanken real! Er kann nicht verstehen das es nicht wahr ist. Am besten meidest du Gespräche über diese Inhalte, da sie den Wahn noch verschlimmern können.

  • Rede ruhig, sei vertrauensvoll, spreche kurz und prägnant

Durch die Denkprobleme kann man in der Psychose oft schwierigen, verketteten Sätzen und langen Gesprächen nicht gut folgen. Deswegen solltest du als Angehöriger kurze, prägnante Sätze sprechen und eher langsam reden. Auch solltest du wichtige Dinge mehrmals wiederholen.

  • Such dir selbst Hilfe

Suche dir eine Angehörigengruppe – ob im Netz oder in deiner Stadt – und tausche dich aus. Du musst auch auf dich und deine eigene psychische Gesundheit achten!

  • J. Berg-Peer: ” Überlegen Sie, welche Ihrer Verhaltensweisen weder für Sie selbst noch für den Erkrankten gut sind. “

“Ich war z.B. zu ängstlich, hatte zu viel Angst vor verbaler Aggression. Andere können Unordnung nicht ertragen. Andere wollen die Erkrankten kontrollieren. Das alles ist auch für gesunde Kinder nicht gut. Wir können uns ändern und auch unsere Einstellung zur Krankheit ändern: Schizophrenie ist keine Katastrophe und eine Psychose muss kein Drama sein.”

…wird noch erweitert

[HILFE] Stimmen hören

 

Wer Stimmen hört, nimmt etwas wahr, was nur er selbst hört. Dabei ist dieses Phänomen gar nicht so selten, wie man vielleicht denkt: 6-10 % der Menschen hören irgendwann in ihrem Leben einmal Stimmen. Die meisten nur einmal oder sehr selten. Manche Betroffene werden jedoch jeden Tag von den Stimmen begleitet.

Hier möchte ich Möglichkeiten sammeln, wie man lernen kann mit den Stimmen umzugehen. Mal wieder sind das meine Erfahrungen und wirken nicht bei jedem gleich gut. Aber vielleicht kann der ein oder andere davon profitieren.

  • Stimmenhörer sind nicht automatisch krank. Zwar werden fast 80% der Stimmenhörenden mit der Diagnose Schizophrenie konfrontiert, aber reines Stimmen hören allein ist kein Zeichen einer paranoiden Psychose!
  • Ignorieren hilft oft nicht. Die Stimmen “weg zu ignorieren” hilft in den seltensten Fällen. Oft sind die Stimmen beleidigt und werden noch lauter und aufdringlicher, als wenn man ihnen einen Raum gibt.
  • Schaffe dir eine Zeit, in der du dich deinen Stimmen widmest. Versuche einmal am Tag deinen Stimmen Zeit zu geben mit dir zu reden. Das kann früh beim Morgenkaffee sein oder kurz vorm Schlafen gehen. Die Stimmen werden versuchen auch außerhalb der Zeiten zu dir zu reden. Sage ihnen bestimmt, dass sie sich an eure “Sprechzeiten” halten sollen. In diesem Fall gibt: Übung macht den Stimmen-Meister!
  • Höre Musik, mach Musik, lenk dich ab! Wenn ich mich beschäftige mit Musik oder mich anderweitig ablenke, sind die Stimmen oft ruhiger oder lassen mich ganz in Ruhe. Allerdings aufpassen: das kann die Stimmen auch reizen und sie werden lauter. Hier gilt es auszuprobieren.
  • Kein Alkohol und keine Drogen!! Ich kann es nicht oft genug sagen: Alkohol und Drogen sind für Menschen mit Halluzinationen und/oder Psychosen fatal!
  • Schafft euch einen Diplomaten.
    Ich zitiere untertauchen:

    Der Diplomat vermittelt zwischen den Stimmen und mir. Nur er spricht mit mir, die Stimmen müssen sich also an ihn wenden. Er teilt mir mit, was die Stimmen sagen und hilft mir dabei, eine Antwort zu formulieren. Ich muss dann nicht selbst mit den Stimmen reden, sondern er übernimmt die Rolle des Diplomaten. Ich finde diese Lösung echt gut, weil sie mir die Möglichkeit gibt, eine Antwort zu überlegen ,ohne dass mich die Stimmen überfordern. Ich muss mich auch nicht direkt mit den Stimmen unterhalten und fühle mich dadurch besser geschützt.

  • Nimm anti-psychotische Medikamente. Gehe zu einem Psychiater und lass dir Neuroleptika (Anti-Psychotika) verschreiben. Kläre auch ab, ob ein Notfallmedikament helfen kann, wenn die Stimmen zu laut werden.
  • Beziehe Vertrauensperson ein. Deinen Arzt, Therapeut, die beste Freundin einbeziehen: erkläre ihnen, was du hörst und frage nach, ob das stimmt was die Stimmen dir erzählen. Lass dich beruhigen, höre aufmunternden Worten zu und frage nach Hilfe, wenn du sie brauchst.

Stand: April 2018

Weitere Informationen von meiner Blog-Kollegin untertauchenUmgang mit dem Lärm im Kopf

[HILFE] Das kleine Psychose-Handbuch

Hier werde ich nach und nach Informationen für Psychose-Erkrankte sammeln. Das werden hauptsächlich meine eigenen Erfahrungen sein und deswegen funktionieren sie auch nicht für jeden! Diese Hinweise sind aber denke ich für viele eine kleine Unterstützung.

  • Keine Horror, Thriller oder Krimi-Filme anschauen. Ich mag solche Filme auch sehr gerne, aber nicht während ich psychotisch bin. Dann können Elemente des Filmes (Feinde, Gegner, paranormales) schnell mit in den eigenen Wahn übergehen oder man steigert sich rein.
  • Bei Stimmen hören und akustischen Halluzinationen: die Ohren ablenken. Selbst Musik machen (Gitarre, Trommeln, es reicht auch eine Mundharmonika…) oder laut Musik hören. Überdeckt manchmal die Stimmen, aber sie können auch lauter dadurch werden – hier heißt es ausprobieren
  • Rückfragen an Angehörige. Ihr bemerkt etwas, denkt etwas, riecht, seht oder schmeckt etwas seltsames? Lasst eure Angehörigen wissen, was los ist, und fragt nach. Kann helfen die Halluzinationen einzuordnen und Wahngedanken abbauen bzw. gar nicht erst entstehen lassen.
  • Vermeide Stress. Am besten Termine reduzieren, Stress vermeiden (Auto fahren, Prüfungen, Familienfeiern….). Dafür schöne und entspannte Dinge tun. Wenn nötig, AU-Schein vom Facharzt holen, Medikamente erhöhen und abwarten, bis es euch wieder besser geht.
  • Lass dir von Angehörigen helfen – Wohnung sauber machen, Einkäufe erledigen, Termine erledigen etc
  • Suche dir Vertrauenspersonen. Das kann dein Therapeut, Arzt sein oder Professionelle in Kontakt- und Beratungsstellen. Oder Angehörige, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen.
  • Sorge dich um dein Wohlbefinden. Esse und trinke regelmäßig, kümmere dich um deine Hygiene, nimm deine Medikamente und gehe regelmäßig zu deinem Arzt/Therapeuten.
  • Passe ggf. die Dosis deiner Medikamente an – aber nur mit ärztlicher Absprache!
  • Beruhige dich mithilfe von Entspannungstechniken und Yoga.
  • Versuche aktiv zu bleiben, dich aber nicht zu stressen. Spazierengehen an der frischen Luft ist schon vollkommen ausreichend!
  • Belohne dich für geschaffte Aufgaben. Das motiviert dich und hellt deine Stimmung auf.
  • Bleib in deiner gewohnten Umgebung.
  • Frage, ob ein kurzzeitiger Aufenthalt in der Klinik möglich ist (“Krisenintervention”) bis die Psychose abgeklungen ist.
  • Achte auf deine Frühwarnsymptome und spreche mit deinem Arzt ab, wie zu handeln ist.
  • Achte auf ausreichenden Schlaf. Spreche mit deinem Arzt ab, ob dir schlaffördernde Medikamente helfen können. In der Apotheke und Drogerie gibt es auch Baldrian Tabletten, die den Schlaf unterstützen können. (Sie sind im Vergleich zu verschreibungspflichtigen Tabletten aber vergleichsweise schwach)
  • Lass dich nicht “triggern”! Vermeide Streits, Diskussionen und ähnliches. Dein Ziel ist es, nicht zu sehr in den Wahn abzudriften. Auch bestimmte Menschen können triggern, zum Beispiel Nachbarn, Polizisten, Ärzte…versuche das zu vermeiden, damit du nicht kränker wirst.
  • Gib deiner Psychose eine Form und werde kreativ. Viele Psychose-Erkrankte zeichnen, malen oder schreiben, um mit ihren Gefühlen zurecht zu kommen.
  • Tu was dir gut tut! Hierbei ist alles erlaubt, was dir hilft “auf dem Boden” zu bleiben.
  • Versuche nicht zu grübeln, so steigert man sich leicht in den Wahn rein.
  • Schaffe eine reizarme Umgebung wenn du unter Empfindlichkeit leidest.
  • Konsumieren keinen Alkohol und keine Drogen (besonders Cannabis, Halluzinogene usw).
  • Lenke dich ab. Schau einen entspannten Film, versuche zu lesen, zu malen, etwas handwerkliches etc.
  • Versuche, nicht die ganze Zeit allein zu sein. Frag Angehörige und Freunde, ob sie dir helfen.
  • Bringe dich nicht in gefährliche Situationen und fahre kein Auto.
  • Erstelle dir einen “Safe Place”. Das kann dein Sofa/Bett sein. Ein Rückzugsort, wenn du Angst hast und dich Hallus quälen. Gestalte es so, wie es dir gefällt, mit Kissen, Decken und wenn du magst Kuscheltieren (das mache ich zB sehr gerne)

[INFO] Selbstschutz für Psychoseerkrankte

Beim Stöbern im Internet bin ich über einen Artikel namens Selbstschutzmaßnahmen für Betroffene gestoßen. Meiner Meinung nach ein Punkt, der bei vielen Betroffenen, die ich in der Klinik kennen gelernt habe, zu kurz kommt.

Gewohnte Umgebung
Wenn man psychotisch wird, ist es besser, dass man in seiner vertrauten Umgebung bleibt, bestenfalls mit Menschen (Verwandte, Freunde), die nicht zu viel von einem verlangen.

Eigene Maßstäbe
Man sollte auf seinen eigenen Körper hören. Wenn man nach seinen eigenen Maßstäben agiert, bleibt man meiner Meinung nach eher gesund. Neigt man zu Depressionen, sollte man sich beispielsweise für jede Tätigkeit loben.

Neutrale Person
Eine neutrale (therapeutische) Person, auf die man sich stützen und vertrauen kann, ist wichtig und hilft einem, den Bezug zur Realität nicht ganz zu verlieren.

Zeit für die Medikamentenabsprache
Man sollte immer in Absprache mit seinem Arzt bleiben, wenn man Medikamente nimmt. Es dauert oft lange und man benötigt mehrere Anläufe, bis das richtige Mittel gefunden wird. Alle Nebenwirkungen, Sorgen und Probleme sollten mit dem Psychiater abgesprochen werden, da sonst oft das Vertrauensverhältnis darunter leidet.

Antworten im Dialog suchen
Psychoedukation ist ein Mittel zur Wahl, um Betroffene über ihre Krankheit aufzuklären. Im Dialog- oder Trialoggruppen hingegen wird man jedoch eher richtige oder hilfreiche Antworten auf seine Fragen entdecken. Ich gehe beispielsweise zur Trialoggruppe “Stimmen hören” der GESOP Dresden. Ich war zwar erst einmal dabei, jedoch hat mir das sehr viel weiter geholfen.

Persönliche Frühsignale beachten
Es ist wichtig, auf seine persönlichen Frühsignale zu achten, allerdings sollte man es dabei nicht übertreiben und ständig auf Alarmbereitschaft sein. Denn das kann das eigene Leben ziemlich aus dem Gleichgewicht bringen.

Grundbedürfnisse beachten
Achte auf deine Grundbedürfnisse: auf gesundes Essen und Trinken, auf regelmäßigen Schlaf, auf frische Luft. Versuche einen Aktivitätsgrad zu finden, der für dich richtig ist, nicht zu viel und nicht zu wenig. Abwechslung, aber nicht Verwirrung; Beständigkeit, aber nicht Monotonie. Was für jeden ungesund ist (z.B. Schichtarbeit), ist für Betroffene besonders belastend.

Zuverlässige Kontakte halten
Bei Kontakten und Beziehungen sollte man auf seine ganz persönlichen Maßstäbe und Bedürfnisse achten: Wenige gute Freunde sind besser als viele schlechte. Manchmal kann auch Rückzug schützen; aber ein wenig Austausch braucht wohl jeder. Auch entferntere, aber zuverlässige Kontakte können einen halten.

Seien Sie sich selbst ein Freund
Du bist ein Mensch mit Bedürfnissen wie jeder andere. Dein Leben wird Krisen bringen, die nicht zu vermeiden sind. Machen Sie sich zum Maßstab, nicht die Psychose.

Quellen
1) “Es ist normal, verschieden zu sein!” (Blaue Broschüre). Verständnis und Behandlung von Psychosen erstellt im Dialog von Psychose-Erfahrenen, Angehörigen und Therapeuten/Wissenschaftlern in der AG der Psychoseseminare (Hrsg.). Download der gesamten Broschüre unter externer Linkwww.irremenschlich.de > Download > Mediathek > Druck.
2) http://www.betanet.de/betanet/soziales_recht/Psychosen—Selbstschutz-fuer-Betroffene-1331.html