Dinge, die man Schizophrenen nicht sagen sollte

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Über Facebook habe ich schon mehrere Artikel gelesen, wie „Dinge, die man Depressiven/Magersüchtigen/Zwangskranken,… nicht sagen sollte“. Nun hier das Pendant für Menschen mit Schizophrenie.
„Ich hab auch manchmal das Gefühl, das jemand schlecht über mich redet.“

Ich denke jeder hat schon mal das Gefühl gehabt, alle schauen dich an, reden über dich. Das steht aber in keiner Relation mit der Paranoia bei Psychosen. Das man das Gefühl hat, können gesunde Menschen mit Argumenten entkräften oder im besten Fall einfach darüber stehen. Bei Schizophrenen ist dieses Gefühl so real, so bedrohlich, das der Erkrankte schwer darunter leidet. Auch kann man ihm nicht ausreden, was Tatsache ist: nämlich Einbildung.

„Hör auf zu spinnen.“

Wäre es so einfach…alle Gefühle, Gedanken und Erlebnisse sind für den Psychotiker real. Mit Argumenten und Gründen kommt man nicht weit, denn der Erkrankte weiß es besser: Eine Verschwörung, jemand verfolgt ihn, alles dreht sich um ihn! Unsensible Sprüche und Unverständnisse sind absolut unangebracht, denn es handelt sich um eine erkrankte Person, die nicht anders denken kann.

„Reiß dich zusammen!“

Dies spricht die Negativ-Symptome der Schizophrenie an. Unter Negativ-Symptomen versteht man Defizite im Denken, des Gemüts und des Antriebs. Das ähnelt den Symptomen einer Depression. Deswegen kann sich der Schizophrene lustlos, bedrückt und niedergeschlagen verhalten, und es ist schwierig, den Alltag zu bewerkstelligen. Sich „zusammen nehmen“ oder „den Hintern hochkriegen“ ist wie bei einer Depression also nicht so einfach.

„Hast du schon mal probiert …“

Dieser Punkt ähnelt den Dingen, die man Depressiven nicht sagen sollte. Es ist nicht einfach, eine Psychose zu behandeln und das sollte auch nur unter ärztlicher Aufsicht geschehen. Spazieren gehen, Joggen, Lesen, Entspannung etc können sicher die (Negativ-) Symptome lindern, aber keine ausgewachsene Schizophrenie behandeln. Auch wenn es Angehörige, Freunde und Bekannte gut meinen: die meisten Dinge hat man als Betroffener bereits ausprobiert, weswegen die gut gemeinten Ratschläge oft negativ aufgefasst werden.

„Steigere dich nicht da rein.“

Wenn man einmal im Wahn steckt, ist es schwer wieder heraus zu kommen. Alles wird in das Wahnsystem transformiert, Ereignisse umgedeutet und die Gedanken drehen sich nur um die Psychose. Der Betroffene füttert die Erkrankung mit Ideen, Ängsten und Misstrauen. Es ist verdammt schwer, sich diesem Strudel zu entziehen. Deswegen sind solche Sprüche Öl im Feuer der Psychose.

„Das ist alles nur in deinem Kopf“

Fällt unter die Kategorie: nicht hilfreich. Ein gesunder Mensch weiß das die Wahnvorstellungen und Halluzinationen nur im Kopf des Erkrankten stattfinden. Aber das ist einem Schizophrenen in der Psychose nicht bewusst. Außerdem ist dieser Spruch invalidierend und hilft dem Erkrankten nicht weiter!

„Da bist du doch selbst dran Schuld!“

Ist man selbst Schuld an Multipler Sklerose? Krebs? Morbus Crohn?
Wer würde einem somatisch erkrankten Menschen sagen, er sei selbst Schuld an seiner Erkrankung? Richtig – niemand. Natürlich können manche Faktoren eine Erkrankung begünstigen (Lungenkrebs = rauchen, Übergewicht bei Diabetes etc) aber dennoch kommen immer viele Faktoren zusammen, damit eine Krankheit ausbricht. Drogen können Psychosen auslösen – aber ganz ohne Vulnarabilität und genetischer Disposition bekommt niemand eine Schizophrenie!

„Ich habe Angst vor dir/deiner Diagnose“

Es gibt Studien die beweisen, dass psychisch Kranke (inkl. Schizophrenen) nicht gewalttätiger sind als gesunde Menschen. Ja, akut Kranke können besorgniserregend wirken, können aggressiv und launisch sein. Dennoch sind sie in den seltensten Fälle tatsächlich „gefährlich“! Redet mit dem Erkrankten, nehmt ihm seine Angst. Mit weniger Angst wird auch die Stimmung und das Misstrauen besser.

„Mit dir will keiner was zu tun haben!“

Betroffene kennen es…man wird aufgrund seiner Erkrankung gemieden, es wird gelästert und Gerüchte werden verbreitet. Aber: es gibt immer jemanden, der für dich da ist und dich trotz Erkrankung schätzt! Hilfreich können auch Selbsthilfegruppen sein (ob virtuell auf Facebook oder real als Stammtisch in deiner Stadt). Wichtig ist, auf Menschen zu vertrauen die dich so lieben wie du bist!

„Sei doch mal normal…“

Dazu sag ich nur: wer will schon normal sein?

9 Antworten auf „Dinge, die man Schizophrenen nicht sagen sollte“

  1. Sehr interessant! Aber wie kann ich jemandem helfen, oder zumindest zur Seite stehen? Was kann ich jemandem sagen, der z.B. gerade wahnhaft ist um das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln? Ich möchte so gerne helfen, und meine es gut, hab aber vieles falsch gemacht, glaube ich…😞

  2. Das würde ich auch gerne wissen. Wie dringe ich zu jemanden durch, der behauptet, er ist nicht krank und er braucht keine Hilfe. Es geht um meinen Erwachsenen Sohn

    1. Habe auch diese Diagnose und habe einen erkrankten Sohn. Inzwischen geht es uns beiden besser, mir sogar recht gut ( nach ca. 30 Jahren). Es braucht Zeit… Ich glaube man sollte optimistisch sein und sehr sehr viel Geduld haben. Seinen eigenen Weg finden. Es wird nur mit Liebe besser. Viel Glück

  3. Liebe Anna,
    ich selber arbeite seit Jahren in der Psychiatrie und möchte Ihnen für Ihre Offenheit über die Erkrankungen danken.
    Ich konnte viel erst jetzt nachvollziehen, auch nach der Reportage des MDR.
    Leider haben psychische Erkrankungen immer noch einen bitteren Beigeschmack und werden oft nicht ernst genommen in der Gesellschaft.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute und finde es großartig, wie Sie ihr Leben stemmen.
    Viele Grüße
    Nina C.

  4. Ich habe selber eine bleibende schitzofrenie und habe in meinen psychosen alle ihrer Beispiele schonmal zu hören bekommen. Ich konnte mich nicht wirklich dagegen wehren und habe aehr darunter gelitten da ich nur von wenigen Verständnis bekam . Ich finde gut das jemand dieses schwierige Thema auf den punkt bringt. Dankeschön 🙂

  5. Hi
    Ich leide selbst unter hebephrener Schizophrenie und ich kann nur sagen Du hast ja so Recht! Ich habe mir auch schon oft anhören müssen dass ich entweder völlig verrückt bin oder dass alles gar nicht so schlimm ist. Mir wird irgendwie die Fähigkeit genommen selbst zu definieren wie sehr ich unter meiner Stoerung leide. Ich finde es gut dass es diese Seite gibt die andere ueber die Stoerung und ihre Verlaufsformen aufklärt.

  6. Ich kann da in großen Strecken nicht zustimmen.

    Übel finde ich es, dass da der Eindruck generiert wird „Mit so jemand kann man eh nicht vernünftig reden, also lass es von vornherein“

    Ich möchte gesagt bekommen, wenn mein Gegenüber anderer Meinung ist als ich. Das ist wichtig, im luftleeren Raum hängen gelassen zu werden finde ich wahnverstärkend.

    Und auch mit Argumenten sollte man es versuchen. Wenn es wirklich nichts bringen sollte, dann kann man auf „we agree to disagree“ übergehen, aber vorher sollte man es mit Argumenten tatsächlich versuchen, alles andere finde ich entwürdigend. Und außerdem – wie ist es, wenn etwas kein „Wahn“ ist, sondern tatsächlich nur eine Meinung, eine Einschätzung, eine Befürchtung?

    Dem hier kann ich aber zustimmen: „Auch wenn es Angehörige, Freunde und Bekannte gut meinen: die meisten Dinge hat man als Betroffener bereits ausprobiert, weswegen die gut gemeinten Ratschläge oft negativ aufgefasst werden.“ Ja, das meiste hat man selbst bereits ausprobiert, und das mehrfach.

    Wo ich weiter unten schon wieder nicht mitgehen kann, ist, dass man angeblich kein Bewusstsein für eine Psychose hätte. Das stimmt in dieser Einfachheit und Absolutheit nicht.

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