Ein kleiner Schnitt

Ich wusste, irgendetwas stimmt mit mir nicht, als ich mich zum ersten mal verletzte.
Eigentlich habe ich mich schon immer selbst verletzt. Zuerst habe ich Wunden aufgekratzt, um die Narbenbildung zu fördern, bis es wieder geblutet hat. Dann habe ich mich gekratzt. Oder Fingernägel gekaut. Mich geschlagen. Keine Ahnung, warum ich das getan habe. Vielleicht weil ich schon immer sensibel und feinfühlig war und irgendwie mit der Masse an Gefühlen und Eindrücken zurecht zu kommen.
Aber das Schneiden begann 2009. Mit dem Mobbing.
Ich hatte eine alte, spitze Nagelschere von meiner verstorbenen Oma gehabt. Damit kratzte ich mir recht lange, rote Striemen auf die Arme. Ich steigerte die Intensität, bis kleine rote Tropfen aus den roten Linien krochen. Das machte ich einige Zeit so. Ich versuchte auch andere Utensilien – Messer, spitze Pinzetten, Feilen. Alles, was irgendwie spitz oder scharf war. Aber die Wunden waren sehr oberflächlich. Es blieben keine Narben.
2010 fand ich dann das Mittel zur Wahl, vor allem „inspiriert“ von einer Mitpatientin in der Klinik. Die Rasierklinge. Sie hat mich nie im Stich gelassen.
Meine ersten Schnitte mit der Rasierklinge waren auch noch oberflächlich, so wie man sich beim kochen schneidet. Irgendwann wollte ich tiefer schneiden. Ich durchschnitt die Oberhaut und schnitt bis auf die Lederhaut. Die Wunden wurden größer und tiefer, die Narben dick, rot und wulstig.
Es gab Zeiten, da schnitt ich jeden Tag. Allerdings auch Phasen, in denen ich Wochen nicht ritzte.
Oft verlor ich die Kontrolle. Ich dachte: „Ein kleiner Schnitt… Das wird niemand merken!“ Sobald ich aber die Klinge angesetzt hatte, wurden es mehr und mehr.
Ich wollte nicht, das ich mehr Narben auf den Armen hatte. Ich testete verschiedene Bereiche meines Körpers. Die Oberschenkel. Der Knöchel. Der Bauch.
Aber ich mochte es am meisten, die Arme zu schneiden. Bald wurde auch der rechte Arm verletzt. Im Sportunterricht wickelte ich mir jedesmal die Unterarme ab mit Kompressionsbinden. Lieber Binden über die ganzen Arme, als die Narben zeigen.
So konnte ich neue Wunden auch immer verstecken.
Das erste mal, als ich bis auf die Unterhaut schnitt, war April 2012. Warum ich mich an dem Tag so tief schnitt, weiß ich nicht. Ich sah zum ersten mal das gelb-körnige Fettgewebe. Ich fuhr zum nähen in die Notaufnahme.
Lange verletzte ich mich nicht mehr, bis 2014. Da häuften sich wieder die Selbstverletzungen. 2015 wurde ich mehrmals genäht, geklammert und gestript. Nach einiger Zeit bekam ich das wieder unter Kontrolle.
Svv ist ein zwanghaftes, aber auch suchtartiges Verhalten. Einfaches aufhören ist oft nicht möglich.
Ich wünschte, niemals damit angefangen zu haben. Und kann nur jedem, der daran denkt sich zu verletzen raten, andere Wege zu finden, um zurecht zu kommen.

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