„Die Wunschperle“ von Uwe Heidschötter und Patrick Wirbeleit

Anton, die kleine, grüne Schildkröte, ist traurig. Immer. Weder eine Fahrt auf dem Tentakel-Karusell noch seine Leibspeise können ihn aufmuntern. Weil das auch seinen beiden Geschwistern, seinen Eltern und dem Opa auffallen, kommt Anton in die Wellenklinik. Dort lernt er viele andere Kinder kennen: den Orka Beißer, der vor allem Angst hat, den st-st-st-otternden Splutter, Tom, der eine Essstörung hat und der aufgedrehte Zack.
Mit der Hilfe von Dr. Gibraltar und anderen Therapeuten lernt Anton, mit seiner Depression umzugehen. Er findet in den Mitpatienten Freunde und macht sich letztendlich auf die Suche nach der geheimnisvollen Wunschperle.
Währenddessen müssen Antons Geschwister mit Stigmatisierungen kämpfen: wenn einer in der Familie „verrückt“ ist, sind es alle Anderen auch. Sein Bruder Oskar wird beispielsweise aus seiner Sportmannschaft geschmissen, er wird konfrontiert mit Unverständnis und Vorurteilen.

Das Buch ist ein Comic und wirklich wunderschön illustriert. Ich empfehle das Buch für Kinder mit psychisch kranken Geschwistern, aber auch allen anderen Interessierten.
Es ist kindgerecht erzählt und gestaltet, auch als Erwachsener kann man der Geschichte gut nachfühlen – gerade wenn man selbst Erfahrungen mit psychischen Störungen gemacht hat oder Angehöriger ist.

Es eignet sich sicher auch gut zum Vorlesen und schafft Raum für eigene Gedanken und Fragen bezüglich psychischer Erkrankungen.
Für mich definitiv eines der besten Kinderbücher zu diesem Thema!

Einatmen. Ausatmen.

In letzter Zeit versuche ich oft, bewusster zu atmen. Langes, tiefes Einatmen – halten – noch länger Ausatmen. Sich fokussieren, den Blick nach Innen wenden. Die Gedanken ziehen lassen, wie ein Blatt, welches der Strom eines Baches davonträgt.
Gerade passiert so unheimlich viel!
Einerseits freue ich mich: ich bekomme Chancen, meine Geschichte zu erzählen, einem Publikum einen Teil meines Lebens zu zeigen. Meine Stimme wird gehört, ich darf meine Standpunkte darlegen.
Andererseits…ist mir gerade vieles einfach „zu viel“. Ich schaffe – irgendwie – meine Termine, muss aber feststellen, dass ich total ausgebrannt bin. Die Arbeit macht mir Spaß, die Interviews, der Kontakt mit Anderen erfüllt mich. Aber auch mein Tag hat nur 24 Stunden und ich eben eine sehr hohe Vulnerabilität. Ich bin schneller erschöpft als Andere, bin viel sensibler mit den Reizen in meiner Umgebung.
Frau Therapeutin rät mir immer wieder: bewusste Pausen – einatmen, ausatmen – und aufpassen, dass die Psychose nicht hinter meinem Rücken lauert.
Da sind sie wieder. Die Geräusche, die nicht da sind, die Stimmen, die keiner spricht. Die Ängste – warum knackt es, ist meine Wohnung verwanzt – und die aufsteigenden Zweifel.
Es ist ein Drahtseilakt. Ich balanciere auf einem dünnen Seil, versuche weder nach links, noch nach rechts, oder sogar nach hinten umzufallen. Balance – einatmen, ausatmen – den Fokus nicht verlieren. Volle Konzentration auf jeden meiner Schritte.
Nun ist auch André oft in Studienstadt, ich alleine – naja, nicht ganz allein: Nathan ist bei mir.
Aber es ist nicht einfach, ohne ihn.
Doch ich weiß: bessere Zeiten kommen wieder. Ich habe schon so, so, so viele schwere Zeiten gehabt. Und ich habe sie alle gemeistert! Mit meiner Ärztin, Frau Therapeutin an meiner Seite, den Menschen, die ich liebe und denen ich vertraue.
Es wird wieder werden. Nun erblüht und grünt alles, es ist Frühling. Ich habe Wünsche, Träume, Pläne für die nächsten Wochen und Monate.
Und in mir ist auch die Kraft, diese Zeit zu überstehen.
Ich denke immer daran…Einatmen, Ausatmen. Weiter machen. Es wird auch wieder besser werden. Davon bin ich überzeugt.

Die Stimmen sind zurück

Es war lange still um mich – in vielerlei Hinsicht. Einerseits war ich wenig aktiv hier, auf dem Blog, aber auch persönlich und psychisch. Die Arbeit fordert mir viel ab, dazu noch Planungen für Podcasts, Interviews und Seminare. Ich bin froh, dass ich so viele Anfragen bekomme: von euch, lieben Lesern, von Journalisten, Betroffenen, Interessierten…
Aber wo Stress entsteht, ist die Psychose nicht weit.
Letzten Montag, ich war allein zu Hause, André in der Studienstadt, da hörte ich es…ein leises Murmeln erst, dass sich steigerte. Als hätte ich den Fernseher oder das Radio laufen. Doch weder mein Handy, iPad, Fernseher oder CD Spieler waren an. Ich saß in totaler Ruhe und dennoch: meine eigene Horrorshow.
Ich drehte mich um, versuchte die Quelle zu erörtern. Schaltete das Handy aus. Vergewisserte mich, dass der Fernseher oder PC nicht im Ruhezustand ein Youtube-Video abspielen. Es war alles aus. Doch da war er…ich weiß nicht, ob es sich um Demian handelte, meine männliche Stimme, ich konnte auch nicht verstehen, was er sagte. Doch es sauste in meinen Ohren! Ich rief sofort meine beste Freundin Maureen an, erzählte ihr verängstigt von der Stimme, die mich quälte. Das Quatschen lenkte mich ab. Doch es sollte in dieser Woche nicht das einzige Mal sein, dass ich erneut Stimmen hörte.
Am Samstag war ich einkaufen. Ich hörte Musik und auf dem Weg nach Hause kam mir ein Paar entgegen. Eine sehr hübsche, junge Frau und ihr Freund, offensichtlich, sie hielten Händchen. Plötzlich drehte sie sich zu ihm, flüsterte ihm etwas ins Ohr und lachte.
Mein erster Gedanke: scheiße, die lachen mich aus! Und ehe ich es mich versah, kam der Gedanke…zieh der blöden Kuh an den Haaren, dann wird sie sehen, worüber sie lacht! Nun hörte ich klar und deutlich Evas Stimme: „Wenn du das machst, kommst du in die Forensik“. Ich hatte Angst. Schnell lief ich an den beiden vorbei und versuchte mich zu beruhigen. Danach schwieg Eva wieder eine Weile. Doch diese Situation verunsicherte mich zusehens.

Seit dem bin ich sehr gereizt, unruhig, habe Angst. Ich hoffe, die Stimmen sind der stressigen Situation geschuldet und verschwinden so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Ich ziehe das Wochenende noch durch (das dritte EX IN Modul steht an) und dann versuche ich über Ostern wieder ein wenig Ruhe und Entspannung in meinen Alltag einzubauen. Frau Therapeutin riet mir, mich selbst zu beobachten und mich etwas abzulenken, Dinge zu tun, die mir Spaß machen. Das beherzige ich und hoffe:
dass die Stimmen nicht wieder kommen.

Neuigkeiten #2

Nun ist der Januar schon wieder vorbei. Und mir geht es wirklich, wirklich gut. Seit Anfang des Jahres arbeite ich acht Stunden wöchentlich bei einem städtischen Projekt. Dieses ist noch in der Anfangsphase und wir gestalten gerade ein Video, welches das Projekt vorstellt. Dabei übernehme ich viel, gestalte die Bilder, bearbeite das Video, kommuniziere dabei mit meinen beiden Mitarbeiterinnen. Mir geht es mit der Stundenanzahl sehr gut – ich bin weder unterfordert noch überfordert mit der Situation. Meine Projektleiterin und die andere Mitarbeiterin sind auch sehr freundlich und ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren (das Projekt ist bis 2023 befristet) gut miteinander arbeiten können!
Ansonsten geht es mir sehr gut. Ich habe weiterhin telefonische Therapietermine mit gelegentlichen Präsenzterminen und wir arbeiten gerade an einem Thema, dass ich lange vor mir her geschoben habe. Noch habe ich mich nicht dazu überwinden können, dieses Thema auch hier, auf meinem Blog, zu benennen und darüber zu sprechen….
Das Leben nimmt weiterhin seinen Lauf…und ich bin mittendrin!

Das Jahr 2020

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Leider startete dieses Jahr nicht gut. Von Januar bis März war ich zum vierzehnten Mal in der Psychiatrie. Ich habe mich selbstveletzt, war in einer (leichten) Psychose und habe eine Medikamentenumstellung von Abilify auf Amilsuprid gemacht.
Dann begann der nationale Lockdown. Sport, Live Therapie, Selbsthilfegruppen…all das fiel flach. Ich überstand den ersten Lockdown mit leichten Blessuren und startete dann in den Sommer.
Im Juni hatte ich ein Foren-Treffen in Hamburg über ein Wochenende, was sehr schön war.
Der Sommer ging mit gelegentlichem Baden, Eis lecken und die Sonne genießen vorrüber.
Im September feierte ich zweijähriges Bestehen mit meiner besten Freundin Maureen (Name geändert). Mit ihr erlebte ich dieses Jahr wieder schöne Erinnerungen. Kino, Backen und Kochen, einfach reden…sie ist und war mir eine große Stütze!
Oktober war es dann soweit…die EX IN Qualifizierung begann. Im Dezember hatten wir das zweite Modul.
Und ab Herbst hieß es wieder „Corona“!
Dennoch durfte ich Weihnachten bei meiner Familie feiern und hatte eine schöne Zeit bei ihnen.


Nächstes Jahr…
…möchte ich es OHNE Klinik schaffen!
…meine neue Arbeit beginnen
…die EX IN Qualifzierung machen
…gesünder leben
…weiter Sport machen (Krav Maga)

Neuigkeiten #1

Derzeit passiert um mich herum so viel. Es stehen Zoom-Meetings an, ich bekomme täglich Mails von Interessierten und Betroffenen und auch ansonsten ist meine Woche gut gefüllt.
Bei der EX IN Ausbildung hatte ich im Oktober mein erstes Modul und am kommenden Wochenende folgt das nächste.
Morgen habe ich ein Meeting mit FSJlern, genauso wie im Januar. Dafür habe ich Gruppenarbeiten ausgearbeitet.
Und…ich habe ab nächstem Jahr einen Job! Für eine Stelle als Erfahrene in einem Dresdner Verein. Das ist so aufregend. Ich werde davon berichten!

Erneuter Lockdown

Schon wieder hält uns Corona fest im Griff. Die Straßen sind leer, nur Menschen mit seltsamen Masken drängen sich aus den Gebäuden auf wichtige Wege.
Für mich heißt das, keine Präsenztherapie zu haben, sondern „nur“ Telefonate. Die Selbsthilfegruppe, der EX IN Kurs und der Sport fallen aus. Ich sitze zu Hause, nippe an meinem Kaffee und wünsche der Welt, dass sie den Atem anhalten kann, in dieser Pandemie. Unruhe entsteht, nicht nur in mir, sondern auch in vielen Anderen. Ein Schrei bahnt sich den Weg aus meiner Kehle nach draußen, ich lechze nach Freiheit.
Aber es muss weiter gehen. Es wird weitergehen. Wir müssen nur noch einige Zeit stark bleiben, die Zähne fest zusammenbeißen, die Hände zu Fäusten ballen und zeigen: Wir sind stärker als das Virus!

Der Koffer – eine Kurzgeschichte von Anna Kunze

Der Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg e.V. rief im Frühjahr einen Schreibwettbewerb auf. Und ich nahm mit zwei Kurzgeschichten teil. Und was soll ich sagen: Ich habe den dritten Platz erreicht! Ich bin gerade unheimlich glücklich und überwältigt. Nun kann ich meinen Text auch mit euch teilen. Danke, danke, danke!

Der Koffer

Ich habe keinen Koffer. Neben mir steht mein schwarzer Armee-Rucksack, mit einigen Flicken und Patches meiner Lieblingsbands. Die Vorstellung, hier mit einem Koffer zu sitzen gefällt mir nicht. Es erinnert mich zu sehr ans Reisen, Flugzeuge, weit-weg-sein, Fernweh. Oder das Ankommen in einem Hotel, bei dem man All-Inclusive Verpflegung hat und einen Pool.

Ich sitze jedoch im Krankenhaus. Genauer gesagt auf Station 81 – der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses in meiner Stadt.

Neben mir fällt der Rucksack um, ich beuge mich vor um ihn wieder aufzustellen. Ich bin im Speisesaal, warte bis meine Ärztin, die mich einwies, mit der diensthabenden Ärztin geredet hat. Durch die Scheibe der Tür die Schwesternkanzel kann ich sie sehen. In dieser steht meine Ärztin und redet mit einer hübschen Frau. Sie schaut zu mir, ich schaue zurück, die Blicke treffen sich. Mit einem leichten Lächeln nickt sie mir zu. Ich bin viel zu blockiert, um dies anzunehmen und schaue weiter zu, wie sie mit der anderen Ärztin redet.

Dann öffnet sich die Kanzel und ein Krankenpfleger mit einem langen, dunklen Bart kommt auf mich zu, grinsend hält er mir die Hand hin und sagt, er bringe mich auf mein Zimmer.

Ich schultere meinen Rucksack auf. Er ist schwer, ich muss erst ein mal lang ausatmen um mich an das plötzliche Gewicht auf meinem Rücken zu gewöhnen.

Ich folge ihm, blicke mich um. Die Wände sind weiß gestrichen, alles wirkt steril. Der Fußboden hat ein orangenes Muster, welches den Boden dreckig wirken lässt. Die Türen sind von grauer Farbe. Neben ihnen sind Schilder mit Beschreibungen und Nummern.

Er öffnet das Zimmer 25, an dem eine Gravur verrät, dass es sich dabei früher um einen Gesprächsraum handelte. Das Zimmer fasst keine 15 Quadratmeter, aber es stehen drei Betten darin. Links ist ein Bett, welches klinisch rein wirkt – es soll das meine sein.

Rechts vor dem Fenster sind zwei weitere Betten. Auf dem hinteren sitzt eine kleine, rundliche Frau mit feurig-roten Haaren, die sie mit einer Haarnadel bändigt. Ihre Augen blitzen auf, als ich eintrete und sie lächelt mir sanftmütig zu.

Davor eine alte Frau, ich schätze sie auf mindestens 85 Jahre, die auf der Bettkante sitzt und immer wieder wiederholt: „Er kann gerne kommen, jetzt, jetzt, der Krieg is‘ ja zu Ende, da kann er ruhig kommen…kommen, ja, das kann‘er ja…“

Mit Schwung werfe ich meinen Rucksack auf das Bett, werde im nächsten Moment jedoch aus meinem Zimmer gerufen. Die Ärztin sei jetzt da, nun könne man das Aufnahmegespräch machen.

Die Ärztin ist ein schöne Brünette, unter ihrem Kittel trägt sie ein roséfarbenes Top und eine moderne Hose. Sie wirkt freundlich, aber blickt nicht eine Sekunde von ihrem Schreibblock auf. Darauf liegen die Papiere für die Aufnahme.

Ich erhasche einen Blick, lese erst meinen Namen, Alter, Geburtsdatum und schließlich: F20.0.

Natürlich weiß ich, dass es sich dabei um einen Code des Krankheits-Index handelt und die kryptische Folge bedeutet: ich habe Schizophrenie.

Als ich zum ersten Mal auf dieser Station war, wusste ich weder was der ICD-10 ist, noch was F20.0 bedeutet. Mit meiner Zeit auf Station, vielen Buch- und Internetrecherchen und Gesprächen mit Ärzten, Pflegern und Therapeuten weiß ich nun, worum es sich handelt.

Die Aufnahme verläuft immer nach dem gleichen Muster. Zu erst werde ich nach meiner Stimmung gefragt. Mir fällt es schwer die richtigen Worte zu finden. Ich erkläre, dass ich sehr müde bin und mich nicht konzentrieren kann. Dann rede ich von meinen Ängsten. Das ich denke, die Nachbarn bestrahlen mich und wollen mich in den Selbstmord treiben. Das ich Schatten sehe, welche nachts nach vor meinem Fenster entlang huschen, die mich heimsuchen. Die Stimmen, die ich höre, eine Kakophonie aus Aufforderungen und Kommentaren. Die Ärztin notiert alles, nickt leicht mit dem Kopf, schreibt dann einige Formulierungen auf. Sie fragt nach einigen Aussagen genauer nach. Wie ich mir erkläre, dass nur ich die Schatten sehe. Ich erkläre, man hat mir ein Serum gespritzt, dass mich die unklaren, nebulösen Formen sehen lässt. Auch für die Strahlung habe ich eine Erklärung. Meine Nachbarn wollen mich nicht mehr als Mieter und senden die Wellen um meinen Suizid zu provozieren.
Dann fragt sie, wie ich schlafe, ob und wie viel ich esse, ob ich regelmäßigen Stuhlgang habe und ob meine Menstruation normal verläuft. In einer knappen Viertelstunde sind wir auch schon durch und ich schlurfe geschafft auf mein Zimmer. Die rothaarige Frau stellt sich mit Johanna vor, ich sage ihr meinen Namen, wir reden ein wenig.

Den Namen der alten Frau erfahre ich durch einen Pfleger, der eine Kontrolle der Zimmer macht. Sie heißt Frau Voigt und wirkt stark beunruhigt. Sie blickt mich an und murmelt, ich hätte den Krieg ja nicht erlebt. Allerdings fragt aber immer nach Werner, vermutlich ihren Mann. Ich erkläre ihr, dass ich ihn nicht kenne. „Dann kommt er ja bald wieder, ja, da der Krieg jetzt zu Ende ist…“

Ich lege mich auf das Bett, es quietscht als ich mich auf die Seite drehe. Merke, dass der Pfleger das Bett nicht festgestellt hat. Johanna steht auf, geht zu mir und drückt einen Hebel herunter und fixiert die Räder, sodass sich das Bett nicht mehr bewegt.

„Weswegen? Also, warum du hier bist?“, fragt sie mich, dreht ihre Haare zusammen und steckt die Haarnadel wieder gekonnt in einen Knoten.

„Schizo, und du?“, antworte ich. Still erklärt sie mir, sie wurde auf Arbeit gemobbt, dann hätte sie Depressionen bekommen, dann kam eines nach dem Anderen und ihr Arzt hätte ihr geraten, freiwillig die Klinik aufzusuchen. Hier sei sie schon beinahe vier Wochen, aber sie möchte ohnehin bald gehen, weil Baldur, ihr Kater, so schrecklich alleine sei und er ihren Partner nicht möge. Katzen sind ja launisch und der Baldur sei so abhängig von ihr. Ich erzähle von meinem Kater, Nathan, eine getigerte Katze mit nur drei Beinen. Wir reden und sind uns bald sehr sympathisch.

Frau Voigt schaut derweil aus dem Fenster und ich sehe, wie sie sich aufzulösen scheint. Meine Oma sagte einst, man stirbt zweimal. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und das zweite Mal, wenn man vergessen wird. Ich habe das Gefühl, beide Arten könnten Frau Voigt bald ereilen.

Meine Augen schließen sich und binnen eines Augenblicks bin ich eingeschlafen. Ich liege in embryonaler Stellung auf dem Bett, es hat gelb-blau karierte Bettwäsche, mein Kopf liegt auf meiner Schulter. Es ist ein traumloser Schlaf, der mich wieder zu Kräften kommen lässt.

Irgendwann werde ich gerufen. Der Pfleger mit dem langen Bart kommt in unser Zimmer, meine beiden Mitpatienten sind bereits weg – sie sind zum Mittagessen in den Speisesaal, der Raum, in dem ich vorhin warten musste. Müde folge ich dem Krankenpfleger, in dem ich nun alle Patienten sehe. Es müssten ungefähr 30 Menschen sein. Ältere, Jüngere, Drogenabhängige, Depressive, Psychotiker, ein bunter Haufen. Ich hole das Tablett mit meinem Essen, es gibt Nudeln, ich bekomme sie jedoch kaum herunter.

Später kommt eine große, schlanke Frau auf unser Zimmer. Stumm reicht sie mir einen Zettel, auf dem steht: Therapieplan. Darunter die Tage Montag bis Freitag mit verschiedenen Angeboten. Sie empfiehlt mir, zuerst einmal den Morgensport zu besuchen, danach Rückenschule, Psychoedukation, Ergotherapie. Im Nu sind viele Therapien mit einem Marker angestrichen, dennoch gibt es auch viel freie Zeit. Sie redet beruhigend auf mich ein, wenn ich etwas nicht schaffe, sei das nicht so schlimm, ich solle es jedoch alles einmal ausprobieren.

Ich fühle mich ein wenig angespannt – die letzten Monate, in denen ich versuchte zu Hause Herr über meinen Verstand zu werden, waren mit weitaus weniger Terminen bereits anstrengend gewesen. Nun soll ich meinen Tag strukturieren, Therapien besuchen. Gruppenangebote, wie das Handwerk, Gedächtnistraining. Aber auch Einzelgespräche mit einem Psychotherapeuten sieht der Plan vor. Hauptsächlich soll ich aber medikamentös behandelt werden.


Der Tag vergeht, ich sehe die Sonne hinter den Gebäuden des Krankenhauses sinken. Ich darf ins Gelände der Psychiatrie gehen – sogar ohne Begleitung – um zu Rauchen. Meine E-Zigarette befülle ich mit Liquid, es schmeckt nach Erdbeere, dann laufe ich immer wieder im Innenhof entlang. Ich mustere die Büsche und Sträucher, die alle ein Schild tragen, um die Pflanzen zu bestimmen. Links eine blühende Forsythie, dann ein Fliederbusch, rechts ein Schnurbaum, dahinter noch Eibe. Das Zwitschern der Amseln in den Wipfeln weckt in mir Heimweh, ich denke an meine Kindheit zurück, in der ich die meiste Zeit in der Natur war.

Als ich wieder in mein Zimmer komme, sitzt Frau Voigt im Rollstuhl, dem Fenster zugewandt. Sie schläft, ihre Lider sind geschlossen und die Brust hebt und senkt sich nur sehr leicht. Johanna liest. In ihrem Nachttisch stapeln sich die Bücher, es ist von allem etwas dabei, erklärt sie mir: Thriller und Krimis, Reiseberichte, Biografien.

Ich leihe mir ein Buch über eine Japanreise, mit aufwändigen Holzschnitten dekoriert. Wir reden über das Land der aufgehenden Sonne, über Hokkaido, Sushi, Japanese-Fashion und Maneki-Neko.


Ich habe keinen Koffer, denke ich mir. Aber ich hätte jetzt gerne einen, dann würde ich dem Autor nach Japan folgen. Frau Voigt wispert, „…da in Japan, da war der Krieg schlimm“, und ich warte auf den nächsten Tag.

Urlaub im Harz

Ich war letzte Woche mit meinem Freund im Harz in Bad Lauterberg. Wir hatten eine sehr schöne Zeit zusammen. Wir waren wandern, haben die Seele bei einer Rückenmassage baumeln lassen und haben uns ein Kloster angeschaut.
Leider war die Zeit viel zu schnell vorbei, aber wir konnten aufatmen, Kräfte sammeln und uns erholen.

10 Jahre Psychiatrie

Am 6. September 2010 änderte sich mein Leben. Ich wurde zum ersten Mal in meinem Leben ins Krankenhaus eingeliefert – in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ich war 14 Jahre alt, verunsichert, verstört, verängstigt. Aber die Wochen und Monate halfen mir, wieder zu mir zurückzufinden. Ich wechselte die Schule, nahm Antidepressiva, hatte Ergo-,Sport und Physiotherapie und fand Freunde. Nach wie vor habe ich diese Zeit positiv im Gedächtnis.
Was folgen sollte, ahnten weder ich, meine Familie noch das Fachpersonal. Aus einem Aufenthalt als Kind sollten über dutzend werden – statt einfacher, jugendlicher Verwirrtheit eine ausgewachsene Psychose mit gerade mal 18 Jahren.

In meinem Tagebuch schreibe ich am 6. September 2010 folgendes:


„Ich habe Angst. Sicherlich nicht abnormal, am ersten Tag. Fest steht nur, dass ich Angst vor allem habe, was kommt und mit mir geschehen wird – Skepsis und eine gewisse Furcht werden sicherlich wieder mein einziger Begleiter sein. Der Eindruck der Anderen auf mich ist im Großen und Ganzen recht positiv ; obwohl manch einer noch nicht direkt auf mich zugekommen ist. Doch ich denke, dass ich ähnlich handeln würde und mich nicht direkt auf Neue stürzen würde.“

Ich bin meinem Löwenherz und der Ärztin, die mich damals eingewiesen hat, sehr dankbar. Auch wenn ich mich anfangs gewehrt habe, war die Entscheidung in die Klinik zu gehen damals die Beste. Vor allem, dass ich Freunde fand, die Schule wechselte und ein besseres Verhältnis zu meiner Familie fand.
Ich bin nur erstaunt, wo die Zeit hin ist. Noch war ich ein vierzehnjähriges Mädchen, nun eine 24-jährige, junge Frau. Die viel erlebt hat und deren Weg noch lange nicht zu Ende ist!