I – Woche 13 – Psychiatrie

Heute habe ich mir mit dem Fachpfleger unserer Station die Tagesklinik kurz angeschaut. In der Visite wurde der Rahmen von ein bis zwei Wochen besprochen, je nachdem wie der Patientenstand ist. Denn es sollen recht viele Patienten da sein. Ich habe einige gesehen, war vor allem überrascht das es deutlich mehr junge Patienten gibt als ältere – auf den Stationen auf denen ich war, war das meistens anders.
Endlich wird auch das abhängig-machende Benzo Tavor abgesetzt. Es wird sicherlich wieder sehr schwer, denn die Entzugserscheinungen setzen schon nach wenigen Wochen ein. Und auch letztes mal, im Dezember, hatte ich deutliche Entzugserscheinungen. Angefangen mit Unruhe und Angst über starkes zittern. Wenn ich daran denke was es noch für andere (illegale) Stoffe gibt, möchte ich nicht an diesen Entzug denken. Das muss die Hölle sein – mir reicht das Tavor schon aus!
In der Visite wurde gesagt das ich medikamentös trotzdem sehr hoch eingestellt bin. Aber es gibt immer noch quälende Restsymptome…die wahrscheinlich nie wieder ganz zurück gehen. Das macht mir schon Sorgen. Denn Sorgen habe ich genug. Angst, ob meine Bewerbung für die Ausbildung angenommen wird. Zweifel ob es das Richtige ist. Ob ich das Studium nicht besser weiter führen sollte. Und ob die Psychose wieder kommt. Das macht mir am meisten Angst. Ich fürchte mich so, dass bald alles wieder von vorne beginnt. Die Ängste, die Stimmen, die mich drängen mich zu verletzen. Zumal das statistisch gesehen die häufigste Verlaufsform ist – wiederkehrende Episoden….aber was wird dann mit der Ausbildung, wenn ich wieder wochenlang in der Psychiatrie hocke? Es ist so unheimlich stressig, sich darüber Gedanken zu machen. Diese Grübelei lässt sich auch nicht abstellen. Es ist einfach quälend. Das sorgt für noch mehr negativen Stress, der Stress wiederum schürt das Feuer der Psychose…

Schatten und Ängste

Im September brach die Psychose aus. Einige Monate hatte ich Ruhe von ihr, wurde nicht durch Stimmen beleidigt oder von Angst getrieben. Aber nach einem extremen Angst- und Gefühlsausbruch Anfang September schlich sich die Krankheit in meinen Leben ein. Zuerst fiel es mir schwer unter Leute zu gehen, das Haus zu verlassen und einzukaufen. Ich merkte das ich mich wieder zurück zog, am liebsten allein sein wollte und meine Stimmung generell im Keller war.  Unglücklicherweise zog ich gerade in dieser Zeit in meine eigene Wohnung. Aber ich schaffte es kaum mitzuhelfen, war ständig gereizt oder verzweifelt. Nach einer Verletzung, die chirurgisch versorgt werden musste war klar – das ist eine neue Krise, die mit Medikamenten behandelt werden muss. Einige Tage danach machte ich mich auf die Suche nach einem Psychiater. Zu vier verschiedenen Ärzten musste ich gehen, wurde allein zurück gelassen und weg geschickt. Alle nahmen keine neuen Patienten auf. Kurz davor aufzugeben bekam ich den Tipp im hiesigen Einkaufscenter zu einem neuen Psychiater zu gehen. Ich ging sofort zu ihm und fragte nach einem Termin. Die Sprechstundenhilfe antwortete, in zwei oder drei Wochen sei ein Termin frei. Ich brach in Tränen aus – meine Welt zerfiel in tausend Teile. Zum Glück hatte der Arzt meinen emotionalen Ausbruch vor der fassungslosen Sprechstundenhilfe mitbekommen und nahm mich sofort dran. Er war sehr nett und einfühlsam, sprach lange mit mir und verschrieb mir das Antidepressivum Fluoxetin und zur Bedarfsbehandlung Promethazin. Ich fühlte mich zum ersten Mal seit langer Zeit verstanden und ernst genommen. Doch was noch folgte ahnte niemand.
Die nächsten Wochen verbrachte ich im Bett. Ich ging nicht aus dem Haus, wusch mich seltener und vergaß Aufgaben wie Zähne putzen. Nachts lag ich wach. Und plötzlich bekam ich vor den Nächten große Angst. Täuschte ich mich oder tanzten da Schatten an der Wand? Was war das für ein Geräusch? Warum lesen die Schatten meine Gedanken?
Blanke Panik ergriff mich immer häufiger. Die Nächte kontrollierte ich mehrmals die Türen und Fenster, damit die Schatten nicht in die Schlafstube kamen. Ich hatte solche Angst. Meistens nahm ich in dieser Zeit Promethazin. Es half aber häufig nur wenig. Dies war die schlimmste Zeit meines ganzen Lebens.
Die Schattenfrau schien mich immer zu verfolgen, sie war die Anführerin der anderen Schatten. Sie war die Stimme, die zu mir sprach, meine Gedanken lesen konnte und Gedanken zwischen schieben konnte. Ich fürchtete die Dunkelheit immer mehr und schlief nur noch mit Licht (zum Beispiel einer Kerze) ein.
Als ich im Oktober den nächsten Termin hatte und ein psychologisches schreiben von einer Psychologin des sozialpsychiatrischen Dienstes vorlegte wurde ich sofort eingewiesen. Im Krankenwagen fuhr ich ins  Krankenhaus Friedrichstadt. Es war die beste Wahl…mein Psychiater handelte rückblickend eindeutig richtig.