Nebelzeit, zweiter Teil

Ich dachte, Ignoranz sei schlimm. Das ich meine Freunde verlor, alleine in der Schule und in der Ausbildung zurecht kommen musste, zehrte an meinen Kräften. Ich begann, mich zurück zu ziehen. Nach der Schule hing ich stundenlang allein in meinem Zimmer, am PC. Das ist für eine Auszubildende als Informatik-Assistent sicher nichts außergewöhnliches. Noch heute verbringe ich überdurchschnittlich viel Zeit vor dem Laptop. Doch damals war es anders. Es lag nicht nur daran, dass ich mich in eine kindliche Traumwelt zurück zog, viele traurige Gedichte und Geschichten schrieb, viel über Gott und die Welt nachdachte. Heute sehe ich dies als Anfang meiner ersten Depression. Wenn die Gedanken kreisen, alles und nichts Bedeutung hat, man in Hoffnungslosigkeit und Angst versinkt. Ich isolierte mich. In der Schule, zu Hause, von Freunden, Familie, von allem. Meine Hobbys machten keinen Spaß mehr. Wenn ich Klavier spielte, dann ohne die Passion, die ich zuvor verspürt hatte. Wenn ich zeichnete, dann sehr dunkle, traurige Bilder, in denen sich junge Mädchen verschiedenes antun. Ich schrieb ziemlich deprimierende Gedichte. Ich erinnere mich an einen Text, den wir im Ethik-Unterricht lesen sollten. Dabei ging es auch um ein Mädchen, welches ziemlich schlecht drauf war, aus dem Fenster in den Regen schaute und sich nach dem Sinn des Lebens fragte. Ich konnte mich damals so mit diesem Text identifizieren, dass ich ihn bis heute nicht vergesse. In Musik sangen wir damals „Mad World“ von Gary Jules. Auch das wurde für mich als Zeichen meiner Depression.

Went to school and I was very nervous
No one knew me, no one knew me
Hello teacher tell me, what’s my lesson?
Look right through me, look right through me
And I find it kind of funny
I find it kind of sad
The dreams in which I’m dying are the best I’ve ever had
I find it hard to tell you,
I find it hard to take
When people run in circles it’s a very, very
Mad world, mad world, enlarging your world, mad world

Einige Wochen vergangen, in denen ich mich in ein Schneckenhaus zurückzog. Aus diesem sollte ich mehrere Monate, Jahre nicht hervor kommen.
Dann begann das Mobbing. Mit meiner Sonderstellung, die ich zuvor eingenommen hatte, konnte ich mittlerweile ganz gut leben. Ich akzeptierte mein Schicksal, nahm es hin ohne zu hinterfragen, was es für mich bedeuten könnte. Zuerst wurde ich in Gruppenarbeiten gemieden. Aber das war ja nichts Neues mehr für mich. Irgendwann wurden die Pausen nicht mehr nur einsam. Ich saß mittlerweile immer allein in der Ecke. Doch das änderte sich. An die Tafel wurde immer öfter „MIIIEP“ geschrieben. Das war ein Zeichen für mich. Es bedeutete „Gegen Anna“ in der Sprache meiner Mobber. Außerdem sang man Lieder über mich. Zum Beispiel das Lied von Polarkreis 18 „Allein, allein“. Denn das war ich. Allein. Einsam. Dann fand man es lustig, mich mit kleinen Kugeln aus Alufolie zu bewerfen. „Hey, Miiiep!“ – zack, warf man mir die kleinen Kügelchen ins Gesicht, in denen zuvor die Butterbrote meiner Mitschüler verpackt waren. Auf dem Schulhof gab es Bereiche mit Kies. Auch den warf man mir entgegen, kippte man mir in die Anziehsachen oder in meine Schultasche. Vor dem Unterricht wurden meine Hefter oder Schulbücher versteckt. In den Pausen begann ich, mich zu verstecken. Vorzugsweise auf Toilette. Eingesperrt verbrachte ich diese quälenden Zeiten. Meine Lehrer bekamen nichts mit – und wenn sie etwas mitbekamen, dann schwiegen sie darüber.
Irgendwann Anfang 2010 dehnte sich das Mobbing aus. Über die sozialen Netzwerke Schüler-vz oder Schüler-cc bekam ich immer öfter Mails geschrieben, die mich beleidigten.
Auch fing man an, mich mit anderen Gegenständen wie Schulbüchern zu bewerfen und zu schlagen. Hinzu kamen noch die Hinweise, dass ich mich umbringen soll. In Form von Tabletten, die man auf meinem Sitzplatz hinter ließ oder indem man in höheren Etagen hinter mir stand und „Spring! Spring! Spring!“ rief, setzten mich meine Peiniger unter Druck. Wieder bekamen die Lehrer nichts mit und ich hatte zu viel Angst, um selbst etwas zu sagen. Auch meinen Eltern sagte ich nichts. Ich ließ alles über mich ergehen, ob der Hoffnung das das Ganze irgendwann ein Ende nähme.
Eine der Hass-Mails:

DU hast Freunde? Meine Antwort: streber, behinderte und idioten. kann sein.
ICH darf hier meine Meinung nicht äußern? Anna, fick dich. Das ist ein freies Land da kann ich sagen was ich will und wenn ich dich sonstewie damit verletze du kleiner möchtegern Emo.
Was du auch nich mitbekommst is, das das hier ernst ist.Aber sieh es ruhig lustig, da hast du wenigstens vor dem Beginn des 2. Halbjahres noch was zu lachen. Denn danach wirst du nichtmehr lachen.
Und deinen hässlichen Brillenkinder-Freundinnen, mit denen du Nachmittags die „Wendy“ liest, und „Janine auf dem Pferdehof“ auf dem Gameboy spielst, kannst du ausrichten das die uns alle mal kräftig am arsch lecken können.

18.02.2010
Daraufhin begann ich, mich selbst zu verletzen. Zu erst waren es kleine, rote Striemen am Unterarm. Später steigerten sich die Wunden, bis meine Arme, der Bauch und die Beine voller Narben waren.
In einer E-Mail an meine ehemalige Klassenlehrerin Fr. Z. schrieb ich damals:

Ich muss mich echt überwinden, diese Mail zu schreiben! Denn sie haben nun live miterlebt, wie ein fröhliches Kind zu einer depressiven Jugendlichen wird. Ob Ihnen das bis jetzt klar geworden ist, das ich Depressionen habe, ist zu bezweifeln, aber Sie kennen die Gründe, und ich habe sie ja meistens etwas länger geschildert.
Depressionen sind in der Jugend ja keine allzu seltenen Sachen mehr! Ich kenne einige, die darunter leiden. Und ich bin selber leider depressiv geworden, und gehe auch bald in Therapie. Dazu kommt mein ungeheurer Masochismus. Der hat sich allerdings noch verschlimmert, bin leider auch unter die ritzsüchtigen gegangen, deswegen Therapie – und Familienberatung.

19.05.2010

5 Antworten auf „Nebelzeit, zweiter Teil“

  1. Hallo Anna!
    Diese Zeilen zu lesen machten mich traurig, weil du niemand hattest, um damit fertig zu werden. Es tut mir leid für Dich, dass Du das Mobbing erdulden musstest. Was wäre geschehen, wenn Du doch Dir jemand anvertraut hättest?
    Ich weiß selber nicht genau, wie ich mich an Deiner Stelle verhalten hätte, weil ich sowas nicht durchmachen musste.
    Alles Gute wünsche ich Dir. Ein großer Schritt Dir selber zu helfen, sind die geschriebenen Zeilen über das Mobbing.
    Es grüßt
    Jens Freyer

  2. Hey Süppli <3
    Ich bin vor kurzem mal auf deiner Seite gelandet und habe mir nun endlich die Zeit zum Lesen genommen.
    Dieses Lied erinnert mich immer an dich, weil du es mir damals gezeigt hast. Und so seltsam es auch scheint bei diesem Text (der mich in meiner Depression damals sehr bestärkt hat), erinnert es mich daran, dass es Menschen wie dich gibt. Die verstehen. Und die mir lieb sind.
    Ich denke an dich!
    Alles Liebe,
    dein Vogelviech
    P.S. Das Bild habe ich immer noch auf meinem Laptop 😀

    1. Ahh, Vögelchen! Meine Liebste!
      Es freut mich so, von dir zu hören! Damit hätte ich weiß Gott nicht gerechnet.
      Ja, das Lied bestärkt, aber irgendwie tut es auch gut – verstanden werden…
      Und das Bild ist herrlich! Ich lache hier gerade und hab Tränen in den Augen! =)
      Liebe Grüße!

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