Über die Verfolgung psychisch Kranker – #BloGeHa

Dieser Beitrag ist ein Teil der Blogparade von Sarah Maria.

Nicht nur, weil ich in der Pegida-Stadt Dresden wohne, geht mir dieses Thema sehr nahe. Nicht nur, weil ich bekennend linkspolitisch bin, weil ich mich sehr für Politik und Geschichte interessiere, weil ich jeden Menschen liebe, dem Werte wie Akzeptanz, Offenheit und Freude am Leben liebe. Nicht nur, weil ich möchte, dass diese Welt, unsere Welt bunt bleibt. Sondern aus dem Wissen heraus, was mit mir geschehen wäre, wäre ich einige Jahrzehnte eher geboren.

Die Geschichte der Euthanasie (Fremdwort, gebildet aus altgriechisch εὖ „gut“, „schön“ und θἁνατος „Tod“) ist stark durch die Zeit des Nationalsozialismus geprägt, in der Morde unter dem Vorwand der „Rassenhygiene“ ebenfalls und täuschend als Euthanasie bezeichnet wurden.

Ich war in meinem bisherigen Leben schon drei Mal wegen psychischer Erkrankungen im Krankenhaus. Früher hätte man “Irrenanstalt” dazu gesagt und sich Menschen vorgestellt, die lallend in einem sterilen Gang sitzen, sich hin- und herwiegen, mit sich selbst reden und den “Gesunden” verstörende Blicke zuwerfen. Man kennt diese Klischees und bis heute sind die meisten Menschen wenig aufgeklärt, wie der Alltag und das Leben in einer Psychiatrie abläuft. Doch Kranke wegzusperren, sie in Irrenanstalten von den “Normalen” abzugrenzen reichte nicht. Unter der Aktion “T4” wurden im nationalsozialistischen Deutschland knapp 200.000 psychisch Kranke ermordet.

Lebensunwertes Leben. Schon allein dieser Begriff schleudert einem die volle Abartigkeit dieses Systems entgegen.

Was wäre mit mir passiert? Hätte man mich schon mit 14 Jahren, als ich zum ersten Mal in der Psychiatrie war, aus meiner Familie genommen, mich in einem Heim, einer Heilanstalt oder in einem Lager untergebracht? Wäre ich bereits als Kind ermordet wurden oder hätte ich bis zum Ausbruch meiner Psychose im jungen Erwachsenenalter gewartet? Schizophrene Menschen hatten es noch nie einfach. Weder vor den Gräueltaten der Nazis, noch währenddessen und auch heute noch gibt es viele Stigmatisierungen psychisch Kranker. Aber “T4” zeigt, was geschehen kann, wenn man in Klassen denkt. Wenn man der Meinung ist, dass ein Leben weniger wert ist als das andere.

Ich bin selbst “seelisch behindert”, “psychisch krank”,”verrückt”. Anders. Einfach anders, wie meine Gleichaltrigen, Kommilitonen, Familienmitglieder. Aber auch alle anderen sind irgendwo anders. Ob es nun um Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Behinderungen oder andere Erkrankungen geht. Ich habe viele Bekannte und Freunde, die anders sind. Meine Klassenkameradin, die eine dunkle Hautfarbe hat. Mein Freund, der schwul ist. Viele Bekanntschaften aus der Psychiatrie, die “Borderliner” sind, Depressionen oder Angstzustände haben. Und ich, ich bin psychotisch. Wir alle unterscheiden uns von einander.

Man kann nur mutmaßen, was aus mir geworden wäre, wäre ich vor mehr als 75 Jahren geboren. Aber eines steht fest – das es nie wieder soweit kommen darf. Das es nie wieder etwas vergleichbares geben soll. Und wenn ich sehe, wie tausende Menschen gegen “Andere” demonstrieren, weil sie Angst haben, dann bekomme auch ich Angst. Denn es ist nur ein kleiner Unterschied, wer “anders” ist und wer nicht. Angefangen bei Religionen wird bald auch jeder Freidenker als anders angesehen. Und dabei sollte man jede Form der Andersartigkeit nicht nur anerkennen, sondern auch als etwas Besonderes, ja, als etwas Schönes und Wünschenswertes ansehen. Denn sie ist es erst, die uns ausmacht. Unsere Welt ist so unterschiedlich, wie sie nur sein könnte.Und statt uns gegenseitig zu hassen und zu bekämpfen sollten einige ihre Augen aufmachen und sie als das sehen was sie ist – unsere vielfältige, wunderschöne Erde, mit Individuen so einzigartig wie nur möglich.

#BloGeHa von Sarah Maria

Quellen
1) Geschichte der Euthanasie, Wikipedia

2) Euthanasie im Nationalsozialismus, Tagesschau

9 Antworten auf „Über die Verfolgung psychisch Kranker – #BloGeHa“

  1. Hallo Anna,

    ich bin im Rahmen der Blogparade von Sarah Maria auf deinen Artikel aufmerksam geworden. Letztes Jahr war ich auf Schloss Sonnenstein oberhalb von Pirna und habe von der schrecklichen Nazivergangenheit dieses schönen Ortes erfahren. Es hat mich sehr betroffen gemacht. Eine seelische Erkrankung kann jeden von uns teffen. Das weiß ich auch aus persönlicher Erfahrung. Leider gibt es noch immer viel zu viele Menschen auf der Welt, die Andere nach bestimmten Kriterien (wie z.B. auch Religion) ins Abseits stellen oder gar umbringen. Diese Menschen fühlen sich dabei besser und überlegen. Wirklich traurig, das dies immer noch so weit verbreitet ist und wir aus unserer Vergangenheit so wenig gelernt haben.
    Ich wünsche dir alles Gute.
    Liebe Grüße
    Miriam

    1. Hallo Miriam,
      es freut mich sehr, dass mein Artikel ein wenig Anklang gefunden hat.
      Ich musste während des Schreibens auch an Pirna-Sonnenstein denken, denn ich habe darüber schon viel gelesen. Vor allem über das Morden mit Luminal, welches auch in Sonnenstein Verwendung fand.
      Gerade, dass seelische Erkrankungen jeden betreffen kann, müsste die Stigmatisierung “aushebeln” können. Statistisch gesehen z.B. eine schizophrene Psychose bei 1% der weltweiten Bevölkerung anzutreffen. Das ist eine relativ hohe Anzahl.

      Vielen Dank für deinen Kommentar,
      liebe Grüße, Anna

  2. Liebe Anna,

    ich finde es toll, dass du so offen mit deiner psychischen Krankheit umgehst! Und wenigstens zur Zeit des Nazionalsozialismus kann man sich doch eigentlich sogar fragen, ob nicht einige der damals so genannten “psychisch Kranken” gesünder waren als die “Kranken”. Es ist ja nicht unbedingt ein Zeichen von psychischer Gesunheit, wenn man in einem kranken System gut klar kommt und als normal gilt. Und unsere heutige “Normalität” ist sicher auch nicht immer so, wie wir sie uns wünschen würden.

    Liebe Grüße
    von Tina

    1. Hallo Tina,
      ich finde deinen Ansatz sehr interessant. Denn wie kann ein “Massenmörder”, ein System aus Mördern, “gesund” sein? Wie kann man, als Politiker, als Sprachrohr der Gesellschaft, Aktionen wie “T4” genehmigen, im Wissen von ihrer Macht, dies befehligen?
      Normalität ist ein sehr dehnbarer Begriff. Und ich denke, dass wir von unseren “normalen” Vorstellungen langsam wegkommen sollten.

      Liebe Grüße, Anna

  3. Erstmal: Vielen Dank für deinen Artikel zu meiner Blogparade. Ich freue mich, dass du dabei bist. <3

    Deinen Satz "Und wenn ich sehe, wie tausende Menschen gegen “Andere” demonstrieren, weil sie Angst haben, dann bekomme auch ich Angst." finde ich sehr gut! Er bringt genau das auf den Punkt, was ich auch oft denke. Wehret den Anfängen. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob das, was da in Dresden auf den Demos zu Tage kommt, überhaupt als Anfang bezeichnet werden kann.

    Ich denke, jeder und jede gehört irgendwie auch immer zu den "Anderen". Die einen "öffentlicher", durch Stigmatisierungen, andere scheinbar erstmal gar nicht. Aber in einem gleichgeschalteten System eckt irgendwann jeder an – und umso offener eine Gesellschaft ist, umso weniger müssen das fiese Gefühl haben, zu den "Anderen" zu gehören.

    Liebe Grüße zu dir,
    Sarah

    1. Hallo Sarah,
      ich bedanke mich sehr für deinen lieben Kommentar, damit habe ich nicht gerechnet!
      Ich denke nicht mehr, dass wir die Demos in Dresden als Anfang sehen können. Viel eher ist die Angst schon fortgeschritten, denn sonst würde PEGIDA nicht so viele Nachahmer (zB. LEGIDA) nach sich ziehen. Denn von einer “Einzelartigkeit” des Protests kann man beim besten Willen nicht mehr sprechen.
      Auch muss ich dir beipflichten, dass jeder irgendwo “anders” ist, da wir alle unsere eigenen, kleinen Verrücktheiten besitzen (und damit meine ich nicht zwangsläufig behandlungsbedürftige Neurosen oder ähnliches, sondern eben diese “Macken”, die jeder hat).
      Unsere Gesellschaft, unsere Welt, muss BUNT sein, muss OFFEN sein, sonst können wir uns nicht entfalten.
      Und wie Rosa Luxemburg schon sagte: “Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!” Und diese muss uns in jedem Fall erhalten bleiben.

      Danke auch für deine Idee mit der Blogparade. Ich hab bereits die anderen Artikel gelesen, und ich finde es faszinierend, wie jeder auf seine Art und Weise an das Thema heran gehen.
      Ein schönes Wochenende,
      liebe Grüße,
      Anna

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