Neues aus der Anstalt

Gestern war dann die lang ersehnte Visite beim Oberarzt. Der erinnerte sich übrigens an mich – ich war kurz vor dem ersten Aufenthalt in Friedrichstadt bei ihm in der Praxis. Das war Herbst 2014. Irgendwie seltsam, dass er sich an meine zwei Besuche und meine Notfall-Einweisung erinnerte. 

Jedenfalls steht der Plan des Aufenthalts fest. Das neue Medikament wird Clozapin sein. Ich kannte dieses noch nicht, als er mir es vorschlug. Allerdings bereitet mir die Vorstellung, bald jenes zu nehmen, etwas Bauchschmerzen. Die Wirkung und die Nebenwirkungen klingen wirklich heftig. Die ersten 18 Wochen muss ich wöchentlich zur Blutentnahme, weil sonst Lebensgefahr besteht durch eine Blutbildveränderung. Es macht müde, das wird wieder schwierig sich an so einen “Holzhammer” zu gewöhnen. 

Heute musste ich viele Untersuchungen über mich ergehen lassen,um sicher zu stellen das ich dafür gesund genug bin. EEG, Urinprobe, Blutentnahme, Temperatur, Blutdruck,… Ich war bei keiner Therapie, weil ich nur unterwegs war. Dieses Wochenende darf ich auch nicht nach Hause, weil es noch diese Woche eingeschlichen werden soll. Ich soll mich auf Schwindel, Ohnmacht und Magenbeschwerden einstellen. Ich habe vor diesem Medikament gerade richtig Angst. Es klingt furchtbar negativ…. 

Aber, und das ist der Grund : es ist nur für Patienten zugelassen die eine therapieresistente Schizophrenie haben und innerhalb eines Jahres 2 Medikamente nicht vertragen haben. Das passt, da ich letztes Jahr erst Risperidon und dann Ziprasidon probiert habe. 

Ich werde natürlich berichten wie es mir unter dem Clozapin geht. 

Wenn jemand damit Erfahrungen hat, würde ich mich freuen davon zu hören (per Kommentar oder Mail). 

Rückschritte

Ich bin seit einer Woche wieder stationär. Es wird ein längerer Aufenthalt, da vermutlich meine Medikamente verändert werden. Es war dieses Mal sehr schwer die Situation zu akzeptieren das es nun so ist, wie es ist. Ich wollte nicht Stationär, aber mir ging es so schlecht das es nicht anders ging. Die Stimmen gröhlen Versager, und ich weiß sie haben recht. Derzeit geht es mir auch körperlich nicht gut. Ständig Kopfschmerzen und Übelkeit. Meine Blutwerte waren auch schlecht, das Kalzium erhöht. Ich weiß noch nichts genaueres, aber ich habe Angst das das für eine schwerwiegende Krankheit steht. 

Ich bin wieder auf der Station 83, dieses Mal geht es aber. Ich habe das Gefühl es wird sich gut um mich gekümmert. Die Ärzte und Pfleger sind nett. Heute hatte ich Visite und habe meinen (sehr leeren) Therapieplan bekommen. Jeden Tag einmal Handwerk und Schizophrenie – Gruppe am Mittwoch. 

Auf Arbeit habe ich Bescheid gegeben, ich hoffe sie verstehen das. Der Führerschein muss auch erst mal warten. Zumindest darf ich ins Gelände ab dem zweiten Tag, gerade da das Wetter so schön ist. Meine Schwester und ihr Freund und André waren auch schon da, genauso meine Eltern bevor sie in den urlaub gefahren sind. 

Rainer Maria Rilke
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. 
Sie sprechen alles so deutlich aus: 
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, 
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, 
sie wissen alles, was wird und war; 
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar; 
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. 
Die Dinge singen hör ich so gern. 
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm. 
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Fortschritte

Nach drei Wochen Pause am Dienstag die erste Therapie-Stunde. Und was soll ich sagen, sie war baff. Theorie-Kurs von der Fahrschule geschafft, André geht in eine Angehörigen-Selbsthilfegruppe, ich habe Probearbeiten in einem Job, ich bin nicht krank geworden, im Gegenteil, mir geht es besser,…

Ich bin sehr stolz auf mich, das ich 7 Tage am Stück 3 Stunden Theoriekurs geschafft habe. Diese Woche melde ich mich noch für die Prüfung an, die es zu bestehen gilt und danach geht es an die Praxis. Ich hatte jahrelang regelrechte Panik vorm Autofahren (auch vorm Mitfahren) aber nun werde ich wahrscheinlich im nächsten Monat mit dem Fahren beginnen. Die drei Stunden Kurs sind natürlich nicht lang für die meisten. Aber das ist zum ersten Mal seit 3 Jahren (!!) das ich 15 Stunden und länger etwas gemacht/gelernt habe und dabei nicht krank geworden bin. Für mich ist es also eine ziemliche Leistung.

Ich habe mich außerdem für einen Bundesfreiwilligendienst beworben und habe die letzte Woche knapp 20 Stunden im Betrieb gearbeitet. Es ist ein Job in der Medienpädagogik, wo ich bei Workshops und Betreuung mithelfe. Generell gefällt es mir dort sehr gut, aber ich merke wie ich an meine Grenze komme – mit der Hälfte der Stunden. Deswegen werde ich dort vermutlich nicht den Bufdi antreten, kann mir aber vorstellen dort ehrenamtlich zu arbeiten.

Desweiteren bin ich nach wie vor auf der Suche nach einer Ausbildung oder der Möglichkeit nach einem dualen Studium. Ich habe gerade eine Ausbildung im Blick, für die ich mich bewerben werde. Und dieses Mal werde ich es durchziehen und schaffen. Es sind “nur”  3 Jahre. Und eine Ausbildung ist schon einfacher als ein duales Studium, was ich zuerst angedacht hatte.

Im Mai bis Juni beginnt im übrigen meine medizinische Rehabilitation für drei Wochen. Sie findet in Bad Gottleuba statt. Ich kenne niemanden, der dort schon war, aber die Klinik sieht wirklich super aus. Und das Beste: ein Einzelzimmer! Und das ohne Fixierung und Kameraüberwachung wie auf der Geschlossenen. Es klingt wirklich sehr gut alles und ich freue mich richtig darauf. Und auch wenn es nicht so gut wird: es sind nur drei Wochen.

Heute ist eine schlaflose Nacht, aber das werde ich schon überstehen. Trotz anstrengender Arbeit ist mein Schlafrythmus ganz schön durcheinander, aber ich komme soweit damit zurecht.

Ansonsten bin ich derzeit wirklich ganz gut drauf, es ist manchmal schwierig mein Kopf-Chaos zu sortieren, aber ich denke es geht noch.

Der Auslöser

Ich werde oft gefragt: Was war der Auslöser für deine psychischen Probleme? Ich weiß dann oft gar nicht was ich sagen soll, weil einfach so viel passiert ist.

In der Psychoedukation hört man oft vom “biosozialen Modell”. Kurz gesagt besagt jenes, das zu einer genetischen Veranlagung mehrere Faktoren hinzukommen, die eine Krankheit, zum Beispiel eine Psychose, auslösen.

Gehen wir etwas in der Zeit zurück: es ist das Jahr 2009 und ich bin 12/13 Jahre alt. Ich komme von der siebten in die achte Klasse und mache eine duale schulische Ausbildung: während des Abiturs mache ich parallel eine Berufsschulausbildung zum Informatiker. Das ist ziemlich anstrengend und mit viel Stress verbunden. Das kann man als Auslöser Nummer eins benennen.

Ich bin 13 Jahre alt und langsam kommt das Interesse an Beziehungen, Sex und dergleichen. Ich verliebe mich in eine Mitschülerin – und auf einmal weiß es die ganze Klasse. Was folgt ist die düsterste Episode aus meiner Schulzeit. Über ein Jahr bin ich schwerem Mobbing ausgesetzt. Am Anfang werde ich gemieden. Das ist für mich unverständlich und ich weiß nicht, warum meine Freunde mich auf einmal meiden. Sie reden nicht mit mir, wir spielen nicht mehr in den Pausen. Ich sitze alleine im Unterricht und wir treffen uns nicht mehr. Es tut weh, aber es ist nach einigen Wochen in Ordnung. Ich suche das Gespräch und werde immer häufiger beleidigt. In sozialen Netzwerken (damals SchülerVZ und myVZ und wie das alles hieß) gibt es mehrere Gruppen: “Anti Anna”, “MIEP”, “Lesbenfotze” usw. Meine Mobber machen sich einen Spaß mich zu fotografieren, dann Schrift und Bilder drüber zu setzen und das ins Internet zu stellen. Ich bin natürlich nicht in den Gruppen und weiß nicht, was dort alles getrieben wird. Bald schon kommen die Cyber Mobbing Angriffe aber in das reale Leben. Beleidigungen, Gerüchte, gehässige Briefe sind an der Tagesordnung. Ich schweige darüber und keiner weiß es. Weder meine Schwester, die auf derselben Schule ist, noch meine Eltern. Ich weine oft und werde depressiv. Bald schon steigert sich das Mobbing aber. Aus Beleidigungen werden tätliche Angriffe. Ich werde anfangs mit Alufolienkugeln beworfen. Später mit dem Mathebuch, das ungefähr 200 Seiten hat und einiges wiegt. Ich werde geschlagen, ich werde auf dem Klo bedrängt und eingeschlossen, ich werde beworfen und geschubst.

Zeitgleich stirbt eine Person, die mir sehr am Herzen liegt, meine Oma. Meine Eltern kommen erst spät nach Hause und nach der Schule war ich so gut wie immer bei ihr. Nun ist sie nach langer Krankheit verstorben und ich verstehe gar nichts. Unsere familiäre Situation gerät ins Wanken, als eine neue Frau unseres Opas einzieht.

Auslöser zwei und drei sind demnach schnell gefunden.

Über das Internet stoße ich aufs “ritzen”. Es ist Silvester 2010 und ich verletze mich zum ersten Mal selbst. Mit einer alten Nagelschere von meiner Oma. Die Ritzer sind sehr klein und nicht tief, ein paar Kratzer auf den Armen und Beinen. Es steigert sich langsam. Irgendwann fällt es meinen Eltern auf.

Ich gehe in einer Beratung der Diakonie. Nach drei Gesprächen werde ich eingewiesen, durch Suizidgedanken und das immer schlimmer werdende Selbstverletzen. In der Klinik sehe ich zum ersten Mal andere Betroffene des Ritzens. Sie zeigen mir eine neue Methode: die Rasierklingen. Meine Verletzungen werden immer tiefer und immer schlimmer. Ich bin monatelang in der Klinik. Ich wechsle die Schule und muss ein halbes Jahr Unterricht nachholen, durch Übungsstunden mit Lehrern nach dem Unterricht. Ich habe einen langen Schulweg, ich bin überfordert, mir geht es nach wie vor nicht gut.

Langsam vertraue ich mich meinen Eltern und Lehrern an. Das ganze Ausmaß meiner Situation wird ihnen bewusst. Ich bin überfordert, gereizt, psychisch krank und mache einen Fehltritt nach dem Anderen.

Ich schaffe irgendwie die Schule, zwischen depressiven Phasen, teilweise täglichen Selbstverletzungen, dem ersten Mal nähen in der Notaufnahme und Klinikaufenthalten.

Dann verliebe ich mich wieder in eine Mitschülerin und werde zum ersten Mal psychotisch. Irgendwie schaffe ich das Abitur, lerne André kennen, ziehe aus, werde wieder psychotisch.

In all den Jahren ist also viel passiert. Alles, was zu einer genetischen Veranlagung hinzu kam. Ich überlege oft, was passiert wäre wenn ich nicht gemobbt werden würde, wenn meine Oma nicht gestorben wäre. Oder was sie dazu gesagt hätte. Was sie zu meiner Entwicklung gesagt hätte. Das liegt mir oft quer im Magen.

Wie es so läuft

Der Februar ist schon wieder fast rum und es ist viel passiert. Ich hatte viele Termine, es stand viel an, es war ein wenig chaotisch. Aber das wichtigste: ich passe gerade wirklich gut auf mich auf und versuche nicht krank zu werden.

Führerschein: ich hab die Theoriestunden geschafft. Es ging sieben Tage je 3 Stunden. Und das habe ich geschafft! Zum ersten Mal seit drei Jahren habe ich etwas durchgezogen und habe gelernt und geackert. Um zur Prüfung zugelassen zu werden muss ich noch den Erste Hilfe Kurs, den Sehtest und die biometrischen Bilder abliefern. Das erledige ich alles an einem Tag am Sonntag – acht Stunden lang! Das wird eine ziemliche Herausforderung aber ich bin gewillt das zu schaffen. Ich hoffe das ich nicht allzu viele Anläufe für die Prüfung brauche und das ich mich gut konzentrieren kann. Ich werde natürlich berichten wie es lief.

Reha: der MDK hat bei meiner Therapeutin angerufen und die Reha wird wohl bald eingeleitet. Ich warte noch auf den Bescheid und dann wird es in Kürze losgehen.

Therapie: wir haben einen Plan gemacht, wie ich mit Frühwarnsymptomen der Psychose umgehe und wie ich handeln muss. Nun ist meine Therapeutin seit 3 Wochen im Urlaub und das ist wirklich anstrengend für mich. Ich habe aber Gespräche in der Beratungsstelle wo ich immer bin und das hilft mir etwas, zumal ich zwischenzeitlich viele Frühwarnsymptome hatte und auf mich aufpassen musste. Ich habe die letzte Woche kaum geschlafen und viel mit den Stimmen zu tun gehabt und auch ein paar “verrückte” Gedanken kamen auf. Das muss ich beobachten und ggf. Schritte aus meinem Plan durchziehen.

Arbeit: ich habe mich für einen erneuten Bundesfreiwilligendienst beworben und habe am Dienstag ein Gespräch in der Einrichtung. Es hat etwas mit Medien zu tun – also genau das, was ich wollte und was mir hilft mich aufs Studium vorzubereiten.

Studium: ich war in der Studienberatung bei einer Behindertenvertretung und beim Professor der Abteilung. Es lief ganz gut, auch wenn ich an dem Tag echt angeschlagen war. Ich habe vollste Unterstützung seitens der BA und plane, ob ich im Herbst 2018 nach dem Bufdi dort mit dem Studium der Medieninformatik beginne. Seid gespannt wie sich das noch entwickelt!

Psychose: wie gesagt, Frühwarnsymptome. Die Dosis meines Antipsychotikums wurde leicht erhöht und ich hoffe das sich dadurch die Symptome reduzieren. Da heißt es abwarten und hoffen das ich bald wieder einen Termin in der PIA bekomme.

Alltag: derzeit läuft es mit der Alltagsbewältigung echt gut. Ich schaffe vieles, was ich mir vornehme, ich lerne für den Führerschein, hab für André und mich Bewerbungen in Adobe Illustrator designt und hoffe, das dieses Jahr noch einiges passiert! Ich bin gerade recht zuversichtlich das dieses anfänglich beschissene Jahr noch so einiges für mich bereit hält!

Selbsthilfe: ich war die letzten Termine wieder regelmäßig in der SHG und es tat mir wirklich gut. Ich habe mit einigen ein paar Probleme da ich mich schnell provoziert fühle, aber ich glaube das hat mit den Frühwarnsymptomen zu tun. Es fällt mir nicht leicht, Verhalten von anderen Menschen einzuschätzen und ich werde auch mit der Leiterin darüber reden ob es meine Fehlwarnehmung ist oder tatsächlich besteht. Außerdem ist André heute zum ersten Mal mit meiner Schwester bei einer Angehörigenberatung. Für mich ist das eine ziemliche Zerreißprobe, wodurch es mir schlecht geht, da ich befürchte das man da über mich lästert. Ich kann in dem Punkt André nicht vertrauen, aber das kann auch nur Misstrauen aufgrund der Frühwarnsymptome sein. Es macht mir jedenfalls sehr zu schaffen. Aber mit gemeinsamen drüber reden und eventuell professioneller Hilfe versuche ich, den beiden zu vertrauen und nicht gekränkt zu sein.

[HILFE] Das kleine Psychose-Handbuch

Hier werde ich nach und nach Informationen für Psychose-Erkrankte sammeln. Das werden hauptsächlich meine eigenen Erfahrungen sein und deswegen funktionieren sie auch nicht für jeden! Diese Hinweise sind aber denke ich für viele eine kleine Unterstützung.

  • Keine Horror, Thriller oder Krimi-Filme anschauen. Ich mag solche Filme auch sehr gerne, aber nicht während ich psychotisch bin. Dann können Elemente des Filmes (Feinde, Gegner, paranormales) schnell mit in den eigenen Wahn übergehen oder man steigert sich rein.
  • Bei Stimmen hören und akustischen Halluzinationen: die Ohren ablenken. Selbst Musik machen (Gitarre, Trommeln, es reicht auch eine Mundharmonika…) oder laut Musik hören. Überdeckt manchmal die Stimmen, aber sie können auch lauter dadurch werden – hier heißt es ausprobieren
  • Rückfragen an Angehörige. Ihr bemerkt etwas, denkt etwas, riecht, seht oder schmeckt etwas seltsames? Lasst eure Angehörigen wissen, was los ist, und fragt nach. Kann helfen die Halluzinationen einzuordnen und Wahngedanken abbauen bzw. gar nicht erst entstehen lassen.
  • Vermeide Stress. Am besten Termine reduzieren, Stress vermeiden (Auto fahren, Prüfungen, Familienfeiern….). Dafür schöne und entspannte Dinge tun. Wenn nötig, AU-Schein vom Facharzt holen, Medikamente erhöhen und abwarten, bis es euch wieder besser geht.
  • Lass dir von Angehörigen helfen – Wohnung sauber machen, Einkäufe erledigen, Termine erledigen etc
  • Suche dir Vertrauenspersonen. Das kann dein Therapeut, Arzt sein oder Professionelle in Kontakt- und Beratungsstellen. Oder Angehörige, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen.
  • Sorge dich um dein Wohlbefinden. Esse und trinke regelmäßig, kümmere dich um deine Hygiene, nimm deine Medikamente und gehe regelmäßig zu deinem Arzt/Therapeuten.
  • Passe ggf. die Dosis deiner Medikamente an – aber nur mit ärztlicher Absprache!
  • Beruhige dich mithilfe von Entspannungstechniken und Yoga.
  • Versuche aktiv zu bleiben, dich aber nicht zu stressen. Spazierengehen an der frischen Luft ist schon vollkommen ausreichend!
  • Belohne dich für geschaffte Aufgaben. Das motiviert dich und hellt deine Stimmung auf.
  • Bleib in deiner gewohnten Umgebung.
  • Frage, ob ein kurzzeitiger Aufenthalt in der Klinik möglich ist (“Krisenintervention”) bis die Psychose abgeklungen ist.
  • Achte auf deine Frühwarnsymptome und spreche mit deinem Arzt ab, wie zu handeln ist.
  • Achte auf ausreichenden Schlaf. Spreche mit deinem Arzt ab, ob dir schlaffördernde Medikamente helfen können. In der Apotheke und Drogerie gibt es auch Baldrian Tabletten, die den Schlaf unterstützen können. (Sie sind im Vergleich zu verschreibungspflichtigen Tabletten aber vergleichsweise schwach)
  • Lass dich nicht “triggern”! Vermeide Streits, Diskussionen und ähnliches. Dein Ziel ist es, nicht zu sehr in den Wahn abzudriften. Auch bestimmte Menschen können triggern, zum Beispiel Nachbarn, Polizisten, Ärzte…versuche das zu vermeiden, damit du nicht kränker wirst.
  • Gib deiner Psychose eine Form und werde kreativ. Viele Psychose-Erkrankte zeichnen, malen oder schreiben, um mit ihren Gefühlen zurecht zu kommen.
  • Tu was dir gut tut! Hierbei ist alles erlaubt, was dir hilft “auf dem Boden” zu bleiben.
  • Versuche nicht zu grübeln, so steigert man sich leicht in den Wahn rein.
  • Schaffe eine reizarme Umgebung wenn du unter Empfindlichkeit leidest.
  • Konsumieren keinen Alkohol und keine Drogen (besonders Cannabis, Halluzinogene usw).
  • Lenke dich ab. Schau einen entspannten Film, versuche zu lesen, zu malen, etwas handwerkliches etc.
  • Versuche, nicht die ganze Zeit allein zu sein. Frag Angehörige und Freunde, ob sie dir helfen.
  • Bringe dich nicht in gefährliche Situationen und fahre kein Auto.
  • Erstelle dir einen “Safe Place”. Das kann dein Sofa/Bett sein. Ein Rückzugsort, wenn du Angst hast und dich Hallus quälen. Gestalte es so, wie es dir gefällt, mit Kissen, Decken und wenn du magst Kuscheltieren (das mache ich zB sehr gerne)

Ich lebe!

Ich weiß nicht was und wie ich das schreiben soll. Es fällt mir unheimlich schwer darüber zu reden, aber ich kann euch nichts vorenthalten.
Kurz und knapp: ich hatte einen Suizidversuch.
Mir ging es schon die Tage nicht gut und am Dienstag noch schlechter. Ich war bei meiner Schwester und ihrem Freund, bin etwas zeitiger los und dachte schon….eigentlich müsstest du jetzt in die Klinik. Ich bin sogar am Krankenhaus umgestiegen, aber ich bin nach Hause.
Mein Plan war, meine Bedarfsmedikamente zu nehmen und den nächsten Tag in die PIA zu gehen. Jedenfalls hatte ich aber einen Totalaussetzer und habe zu viele Medikamente genommen. Ich habe André dann um Hilfe gerufen und war aggressiv, habe stark halluziniert und war komplett geistesabwesend.
Den nächsten Tag bin ich mit einem kompletten Filmriss im der Psychiatrie aufgewacht.
Ich kann mich nicht mehr erinnern wie ich die Tabletten genommen habe, wie ich vom Rettungsdienst abgeholt und behandelt wurde, wie ich auf die Geschlossene kam. Ich war im Krisenzimmer, Flexüle im Arm, Überwachung der Herzfrequenz, nackt bis auf die Unterwäsche. Ein Alptraum.
Ich habe selbst gedacht es war ein Versehen. Das ich einfach in der Anspannung zu viele Medis genommen habe und mich nicht umbringen wollte. Aber mein Browser Verlauf auf dem Handy und dem PC sagen anderes. Ich habe mehrfach gegoogelt unter welcher Dosis meines Medikaments der Versuch tödlich endet, wie man an Drogen kommt und so weiter.
Ich habe mich unter der Vorlage zur Überwachung öfter in die PIA zu gehen entlassen. Gottseidank ging das einigermaßen einfach.
Meine Ärztin hat das Ganze zum Glück nicht so tragisch gesehen. Sie hat ja die Medikamente verschrieben und mir keine Vorhaltungen gemacht. Meiner Thera habe ich eine E Mail geschrieben, auch, weil ich einfach darüber reden musste.
Dienstag bin ich wieder in der PIA und dann Donnerstag erneut.
Ich fühle mich furchtbar und ich habe immer noch Alpträume. Zum Glück habe ich nicht besonders viel genommen, aber ausreichend um zwei Tage am Stück zu schlafen.
André hat Konsequenzen gezogen und einen Safe gekauft. Darin sind jetzt alle Medikamente und scharfe Sachen (Cuttermesser zum basteln, Rasierapparate und ähnliches). Das wirkt nun auch etwas wie geschlossene Station, muss aber vermutlich einfach sein.
Aber, das wichtigste: ich habe unbeschadet überlebt.
Entweder ich bin richtig gut im leben oder echt scheiße im sterben.

Fahrtauglichkeit bei Schizophrenie

Dieses Jahr möchte ich das Projekt Führerschein in Angriff nehmen. In meiner prä-psychotischen Jugend (erste schwere Episode kurz nach dem 18. Geburtstag) habe ich mir das Fahren nicht getraut, aber es wäre rückblickend besser gewesen, ich hätte es damals gemacht. Einfach, weil noch keine Diagnose und Behinderung festgelegt war.

Es ist ein wenig umständlich Informationen zu finden. Hier aber der Teil über die Zulassung der Kraftfahreignung bei Schizophrenen Psychosen:

Schizophrene Psychosen
Die Voraussetzung zum sicheren Führen von Kraftfahrzeugen beider Gruppen ist in akuten Stadien schizophrener Episoden nicht gegeben.
Gruppe 1 – Führer von Fahrzeugen der Klassen A, A1, A2, B, BE, AM, L, T
Nach abgelaufener akuter Psychose kann die Voraussetzung zum sicheren Führen  von Kraftfahrzeugen der Gruppe 1 in der Regel wieder gegeben sein, wenn keine Störungen (z. B. Wahn, Halluzination, schwere kognitive Störung) mehr nachweisbar sind, die das Realitätsurteil erheblich beeinträchtigen. Bei der Behandlung mit Psychopharmaka sind einerseits deren stabilisierende Wirkung, andererseits die mögliche Beeinträchtigung psychischer Funktionen zu beachten. Langzeitbehandlung schließt die positive Beurteilung nicht aus (siehe Kapitel 3.12 Betäubungsmittel und Arzneimittel); in
manchen Fällen ist die Langzeitbehandlung hierfür die Voraussetzung, wobei diese Behandlung durch Bescheinigungen des behandelnden Facharztes für Psychiatrie dokumentiert werden sollte. Wenn mehrere psychotische Episoden aufgetreten sind (sog. wellenförmiger Verlauf), sind im Hinblick auf mögliche Wiedererkrankungen die Untersuchungen durch einen
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in festzulegenden Abständen zu wiederholen.
Gruppe 2 – Führer von Fahrzeugen der Klassen C, C1, CE, C1E, D, D1, DE, D1E und

die Fahrerlaubnis zur Fahrgastbeförderung (FzF)
Nach einer schizophrenen Erkrankung bleiben für Fahrer der Gruppe 2 die Voraussetzungen zum sicheren Führen eines Kraftfahrzeuges in der Regel – abgesehen von besonders günstigen Umständen- ausgeschlossen.
Begründung
Unter Schizophrenien fasst man eine Gruppe von Psychosen mit unterschiedlichem Schweregrad, verschiedenartigen Syndromen und uneinheitlichen Verläufen zusammen. Gemeinsam ist den Schizophrenien, dass alle psychischen Funktionen beein-
trächtigt sein können (nicht nur das Denken), dass die Ich-
Funktion (die psychische Einheit) in besonderer Weise gestört (Desintegration) und die Realitätsbeziehungen beeinträchtigt sein können. Im Verlauf treten akute Erkrankungen auf, auch wiederholt. Diese psychotischen Episoden können entweder ausheilen oder in Teilremissionen (sog. soziale Remissionen) bzw. in Residualzustände (Persönlichkeitsveränderungen) übergehen.
Schwere psychotische Krankheitserscheinungen können das Realitätsurteil eines Menschen in so erheblichem Ausmaß beeinträchtigen, dass selbst die Einschätzung
normaler Verkehrssituationen gestört wird. Schwere psychotische
Körpermissempfindungen können die Aufmerksamkeit absorbieren und die Leistungsfähigkeit senken. Antriebs- und Konzentrationsstörungen können den situationsgerechten Einsatz der psycho-physischen Leistungsfähigkeit mindern. Derartige psychotische Krankheitserscheinungen können also zu Fehlleistungen führen und die allgemeine Leistungsfähigkeit unter das notwendige Maß herabsetzen. In jedem Einzelfall muss –
auch abhängig vom Krankheitsstadium- die Bedeutung aller einzelnen Symptome für die Voraussetzungen zum Führen von Kraftfahrzeugen beurteilt werden.
Stand: 18.1.17 , zuletzt aktualisiert: Dezember 2016
weitere Informationen, auch über andere Erkrankungen
Um die Informationen zusammen zu fassen:
– keine Fahrtauglichkeit bei akuten Psychosen
– keine Eignung für das Führen von Fahrzeugen in Gruppe 2 (umfasst zum Beispiel LKWs)
– bei Gruppe 1: nach abklingen psychotischer Symptome mit medikamentöser Behandlung Fahrtauglichkeit gegeben, aber unter Umständen Einschätzung von psychiatrischem Facharzt
Wie es nun bei mir wird kläre ich noch mit meiner Ärztin ab.
Die Angabe in dem Führerscheinantrag ist im übrigen freiwillig – bei Unfällen kann er aber entzogen werden, wenn die Krankheit Ursache war. Deswegen gebe ich die Krankheit auch lieber an und werde dann sehen, ob ich zugelassen werde oder nicht.

Silvester in der Klapse

Es kam dann doch anders als geplant. Ich bin zur Krisenintervention in die Klinik gegangen über Silvester.

Mein Silvester war urkomisch. Wir waren zu viert: Ling, Mandy, Tim und ich. Zehn Minuten vor Mitternacht haben wir ein Festmahl aus geklautem Joghurt und versteckten Keksen zelebriert, bis wir raus sind um die letzte Zigarette 2016 zu rauchen. Von einem Mitpatienten der Station 84 bekamen wir jeder eine Wunderkerze. Wir besprachen welche drei Ziele wir für 2017 hatten und zündeten die Wunderkerzen an. Dann sind wir zum Pflegerstützpunkt, der die Übertragung der Feierlichkeiten in Berlin streamte und haben uns alle eine Schlaftablette geben lassen.

Das das neue Jahr Veränderung mit sich brachte merkten wir daran, das Ling sich den Vollbart abrasiert hatte.