Eine Herde schwarzer Schafe

Wir laufen im gleichen Rhythmus nebeneinander her. Flüchtige Blicke der Anderen. Wir sind die Herde schwarzer Schafe in einer Welt, die nur die anderen, weißen Schafe akzeptiert. Inmitten der Anderen fallen wir auf. Laufen zwischen ihnen und gehören doch nicht dazu. Niemals werden wir dazu gehören, das wissen wir. Dennoch wollen es einige versuchen. Sie brechen unseren Rhythmus und passen sich den Anderen an.

II – Woche 12 – Psychiatrie

Diese Woche begann für die Station sehr schlecht. Alle drei Ärzte der Station sind krank, eine Vertretung ist für die anderen offenen Stationen ebenso im Dienst sodass es für die Dienstärzte jetzt Stress pur gibt. Morgen wird die Visite ausgesetzt, sie soll am Freitag stattfinden. Dafür haben wir morgen die Wanderung, die sonst immer freitags ist.
Im Handwerk bin ich mit einem größeren Korb fertig geworden. Nun widme ich mich erstmalig dem weben. Vor allem der Anfang des Webens ist sehr kompliziert…ich hoffe das mir der Webrahmen diese Fehler verzeiht und ich dennoch ein schönes Stück heraus bekomme.
Die Neuroleptika dämpfen meine Gefühle und Emotionen sehr stark, finde ich. Es gibt kein Hoch und kein Tief, nur eine unangenehme „Mitte“, in der mir alles egal ist. Auf die Frage wie es mir geht antworte ich meist mit „Geht so.“ Denn es ist schwer zu beschreiben wie sich dieser Zustand anfühlt.
Morgen habe ich meinen zweiten Termin bei der Psychologin. Sie achtet sehr auf mich und macht lieber zwei kurze Gespräche als ein langes. Denn ich bin immer noch schnell ermüdet und kaputt.

Heute war ich mit meinem Mitpatienten Jens (Achtung, nicht der Freund Jens) zum heilsamen singen im sogenannten Raum der Stille. In ihm finden normalerweise Gottesdienste statt, aber eben auch diese Singgruppe. Kanons, Mantras und aufmunternde Lieder wie „Ich danke dem Leben“ wurden gesungen, nicht mit dem Hintergrund choral perfekt zu sein sondern Emotionen zu spüren, Kraft zu schöpfen und Energien zu bündeln. Mir waren manche Körperübungen etwas unangenehm, aber ich werde sicherlich wieder einmal daran teilnehmen. Denn singen in der Gemeinschaft tut einfach gut.

I – Alptraum

Ich bin ein ganz normales Mädchen, dass an einem Radio herum spielt um seinen Lieblingssender einzustellen. Plötzlich höre ich die Nachricht – die Deutschen sind in Polen ein marschiert! Ängstlich laufe ich durch das Haus, suche meine Eltern, die ich nicht finden kann. Sie sind verschwunden. Noch immer höre ich die Stimme des Nachrichtensprechers. Er redet außerdem von Atombomben. Mir wird plötzlich klar – das Radio, das in unserem Haus steht ist die Atombombe, von der er redet! Nun ist guter Rat teuer. Das Schicksal der Menschheit liegt in meinen Händen. Ich gehe zu dem Radio zurück und öffne eine Schachtel, die in dem Radio eingelassen ist. In ihr liegen Münzen. Ich durchsuche die Schachtel bis ich zwei japanische Münzen finde. Mir wird klar – damit habe ich das Urteil gefällt, wohin die Atombomben fallen. Vor Schreck lasse ich die Münzen fallen. Und wache auf.

Ein verstörender Traum, der mir viel Angst gemacht hat. Ich weiß nicht was das bedeuten könnte…

I – Woche 12 – Psychiatrie

Langsam neigt sich die Therapie im Krankenhaus Friedrichstadt Dresden dem Ende zu. Zwar gibt es noch keinen genauen Termin, aber früher oder später werde ich auf mich selbst gestellt sein und entlassen werden. Ich hoffe das geht nicht allzu schnell, denn „gut“ oder „gesund“ fühle ich mich noch lange nicht. Derzeit dominieren wieder die Ängste und Gedanken daran,  das andere mich auslachen und abstoßend finden könnten. Vor allem wenn ich im Straßenverkehr bin fällt mir dies schwer. Auch die Reizüberflutung, die ich außerhalb erlebe, ist furchtbar und kaum auszuhalten. Oft rede ich mit mir selbst, um mich zu beruhigen. Aber es ist schön, dass ich überhaupt in den Stadtausgang und damit nach hause kann.

Von Prüfungen und Stimmgewirr

Ich ging weiterhin zur Schule und fiel dort nicht weiter auf. Langsam begann ich mich aber immer weiter zurück zu ziehen. Ich traf mich seltener mit Freunden, war fast nur noch in meinem Zimmer und vergaß Kontakte zu pflegen. Dies hatte zur Folge das sich einige Freunde von mir abwandten, weil ich nicht mehr für sie da sein konnte. Ich wusste selbst, das es meine eigene Schuld war, aber ich konnte diesen Zustand nicht ändern. Das, was ich erlebte nennt man Prodromalstadium. Denn ich war auf einem Weg, der keine Abzweigungen hatte, um ihn zu verlassen. Ich lief immer weiter auf diesem Pfad. Und das allein, denn niemand schien die Veränderungen wahr zu nehmen. Vor allem verlor ich den Kontakt zu meinem besten Freund Jens, der selber eine schwere Zeit durchmachen musste. Aber ich schaffte es nicht für ihn da zu sein, war viel zu beschäftigt mit mir selbst. Außerdem merkte ich das erst viel zu spät.
Dennoch hatte ich eine Stütze – meine Beziehung mit André. Obwohl die Symptome nie ganz abklangen half sie mir.

Ich war wenige Wochen vor den Abitur-Prüfungen. Ständig hörte ich ein murmeln, rauschen. Unwissend, wie ich damals war, dachte ich es sei eine Form von Tinnitus. Doch heute weiß ich, das dies eine Form von akustischen Halluzinationen ist – mein Stimmengewirr, welches ich fast immer höre. Während den Prüfungen ging es mir besonders schlecht. Von allen Seiten prasselten Gefühle, Gedanken und Reize auf mich ein. Ich konnte nichts mehr hören, außer das ständige Gemurmel. Sobald ich das Schulgelände verließ schien mich jeder zu beobachten, einige gar zu verfolgen. Ich wusste nicht ein noch aus. Aber irgendwann endete auch diese Phase und für ein paar Monate hatte ich Ruhe vor den Stimmen und Eindrücken.

Der Beginn

Ich weiß rückblickend nicht mehr genau, wann es angefangen hat. Wenn ich allerdings überlege komme ich zum Schluss das alles seinen Anfang im Herbst 2012 hatte.
Gerade hatte ich die letzten zwei Jahre meiner Schulzeit angefangen. Zukunftsangst und Sorge, ob ich die Belastung aushalte dominierten meine Gedanken. Ich fragte mich – schaffe ich es weiterhin? Bin ich bereit für ein Studium?
Meine Gedanken rasten. Es wurden immer mehr und mehr, die sich in einem Strudel zu drehen schienen und einer Welle gleich mit voller Wucht in mein Innerstes trafen. Immer häufiger wurde ich unruhig, nervös, überfordert. Wenn ich im Bus nach Hause fuhr schlief ich ein, es war alles zu viel, zu anstrengend. Zunehmend wurde ich depressiv. Dabei muss erwähnt werden, das ich bereits 2010 wegen Depressionen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie war. Nun wurden diese Gedanken immer schlimmer. Außerdem war ich grundlos gereizt, hatte meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle. Was nun wirkt wie Probleme in der Pubertät stellte sich bald als tief greifende, schwere psychische Beeinträchtigung heraus.
Denn das was mich nun heim suchte veränderte alles.

Du bist hässlich. Wertlos. Scheiße. Anna. Ritzen.

Ich drehte meinen Kopf in alle Richtungen um die Ursache für diese Worte auszumachen. Mein Gedankensturm tobte innerlich weiter. Meine Ohren brummten, mein Kopf schien zu zerplatzen. Es tat alles so weh. Ich bekam Panik. Was passierte hier mit mir? Was sollten diese Worte bedeuten?
Ängstlich, verstört und mit Tränen in den Augen berichtete ich meiner damaligen Psychologin meine Erfahrungen mit den Stimmen, die nur ich hörte. Leider erkannte sie die Gefahr, die sich anbahnte, nicht und tat die Stimmen als Teil der sogenannten Dissoziation ab.
Resignierd musste ich feststellen, dass ich mit ihnen alleine war. Für Wochen gab es nur noch sie und ich. Was ich noch nicht wusste war, dass sie bald meine engste Freundschaft zerstören, den Bezug zu mir selbst verändern und mein Leben zerfetzen würden. Für den Moment aber waren sie das bedrohlichste, was ich je erlebt habe.