Der Auslöser

Ich werde oft gefragt: Was war der Auslöser für deine psychischen Probleme? Ich weiß dann oft gar nicht was ich sagen soll, weil einfach so viel passiert ist.

In der Psychoedukation hört man oft vom “biosozialen Modell”. Kurz gesagt besagt jenes, das zu einer genetischen Veranlagung mehrere Faktoren hinzukommen, die eine Krankheit, zum Beispiel eine Psychose, auslösen.

Gehen wir etwas in der Zeit zurück: es ist das Jahr 2009 und ich bin 12/13 Jahre alt. Ich komme von der siebten in die achte Klasse und mache eine duale schulische Ausbildung: während des Abiturs mache ich parallel eine Berufsschulausbildung zum Informatiker. Das ist ziemlich anstrengend und mit viel Stress verbunden. Das kann man als Auslöser Nummer eins benennen.

Ich bin 13 Jahre alt und langsam kommt das Interesse an Beziehungen, Sex und dergleichen. Ich verliebe mich in eine Mitschülerin – und auf einmal weiß es die ganze Klasse. Was folgt ist die düsterste Episode aus meiner Schulzeit. Über ein Jahr bin ich schwerem Mobbing ausgesetzt. Am Anfang werde ich gemieden. Das ist für mich unverständlich und ich weiß nicht, warum meine Freunde mich auf einmal meiden. Sie reden nicht mit mir, wir spielen nicht mehr in den Pausen. Ich sitze alleine im Unterricht und wir treffen uns nicht mehr. Es tut weh, aber es ist nach einigen Wochen in Ordnung. Ich suche das Gespräch und werde immer häufiger beleidigt. In sozialen Netzwerken (damals SchülerVZ und myVZ und wie das alles hieß) gibt es mehrere Gruppen: “Anti Anna”, “MIEP”, “Lesbenfotze” usw. Meine Mobber machen sich einen Spaß mich zu fotografieren, dann Schrift und Bilder drüber zu setzen und das ins Internet zu stellen. Ich bin natürlich nicht in den Gruppen und weiß nicht, was dort alles getrieben wird. Bald schon kommen die Cyber Mobbing Angriffe aber in das reale Leben. Beleidigungen, Gerüchte, gehässige Briefe sind an der Tagesordnung. Ich schweige darüber und keiner weiß es. Weder meine Schwester, die auf derselben Schule ist, noch meine Eltern. Ich weine oft und werde depressiv. Bald schon steigert sich das Mobbing aber. Aus Beleidigungen werden tätliche Angriffe. Ich werde anfangs mit Alufolienkugeln beworfen. Später mit dem Mathebuch, das ungefähr 200 Seiten hat und einiges wiegt. Ich werde geschlagen, ich werde auf dem Klo bedrängt und eingeschlossen, ich werde beworfen und geschubst.

Zeitgleich stirbt eine Person, die mir sehr am Herzen liegt, meine Oma. Meine Eltern kommen erst spät nach Hause und nach der Schule war ich so gut wie immer bei ihr. Nun ist sie nach langer Krankheit verstorben und ich verstehe gar nichts. Unsere familiäre Situation gerät ins Wanken, als eine neue Frau unseres Opas einzieht.

Auslöser zwei und drei sind demnach schnell gefunden.

Über das Internet stoße ich aufs “ritzen”. Es ist Silvester 2010 und ich verletze mich zum ersten Mal selbst. Mit einer alten Nagelschere von meiner Oma. Die Ritzer sind sehr klein und nicht tief, ein paar Kratzer auf den Armen und Beinen. Es steigert sich langsam. Irgendwann fällt es meinen Eltern auf.

Ich gehe in einer Beratung der Diakonie. Nach drei Gesprächen werde ich eingewiesen, durch Suizidgedanken und das immer schlimmer werdende Selbstverletzen. In der Klinik sehe ich zum ersten Mal andere Betroffene des Ritzens. Sie zeigen mir eine neue Methode: die Rasierklingen. Meine Verletzungen werden immer tiefer und immer schlimmer. Ich bin monatelang in der Klinik. Ich wechsle die Schule und muss ein halbes Jahr Unterricht nachholen, durch Übungsstunden mit Lehrern nach dem Unterricht. Ich habe einen langen Schulweg, ich bin überfordert, mir geht es nach wie vor nicht gut.

Langsam vertraue ich mich meinen Eltern und Lehrern an. Das ganze Ausmaß meiner Situation wird ihnen bewusst. Ich bin überfordert, gereizt, psychisch krank und mache einen Fehltritt nach dem Anderen.

Ich schaffe irgendwie die Schule, zwischen depressiven Phasen, teilweise täglichen Selbstverletzungen, dem ersten Mal nähen in der Notaufnahme und Klinikaufenthalten.

Dann verliebe ich mich wieder in eine Mitschülerin und werde zum ersten Mal psychotisch. Irgendwie schaffe ich das Abitur, lerne André kennen, ziehe aus, werde wieder psychotisch.

In all den Jahren ist also viel passiert. Alles, was zu einer genetischen Veranlagung hinzu kam. Ich überlege oft, was passiert wäre wenn ich nicht gemobbt werden würde, wenn meine Oma nicht gestorben wäre. Oder was sie dazu gesagt hätte. Was sie zu meiner Entwicklung gesagt hätte. Das liegt mir oft quer im Magen.

Eine Antwort auf „Der Auslöser“

  1. Oh Mann, du hast es ja auch nicht einfach gehabt! Mobbing ist krass, unglaublich wie gemein die Mitschüler da sein können.. Ich werde wütend, wenn ich schon nur darüber lese! Niemand hat es verdient, so behandelt zu werden!

    Wahrscheinlich haben die Äusseren Umstände dazu beigetragen, aber ich kann mir vorstellen, dass es bei einer Depression, eventuell Persönlichkeitsstörung oder PTBS, geblieben wäre. Eine Psychose ist, so glaube ich, ist meistens schon genetisch bedingt. Hast du denn auch irgendwelche Drogen genommen?

    Du scheinst ja inzwischen relativ gut mit der Psychose zurechtzukommen oder irre ich mich da?

    Ich wünsche dir auf jeden Fall alles Gute und die Kraft, die du brauchst, um weiterzukämpfen.

    Ganz liebe Grüsse,
    Ut

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